© (c) René Fietzek

 

Das Projekt

Mit Bürgerinnen und Bürgern auf dem Lande neue Formen des Engagements wagen, Menschen Sicherheit in der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus geben und versuchen, diejenigen mit einzubeziehen, die sich sonst nicht engagieren: Das waren unsere Beweggründe, das Projekt Region in Aktion – Kommunikation im ländlichen Raum zu entwickeln. Im ländlichen Raum schienen es Neonazis leichter zu haben, Kommunikationsräume zu besetzen. So berichtete etwa ein Kollege von einer Projektreise durch Vorpommern, wie die sogenannten »Boten«, die lokalen Anzeigenblätter der NPD, genauso wie der »Ikea«-Katalog in einem Dorf von Haus zu Haus gereicht wurden, ohne, dass es über deren menschenverachtende Inhalte eine Auseinandersetzung gab. Andererseits wollten wir uns nicht mit dem gängigen Klischee des »brauen« ländlichen Raums zufrieden geben, das immer im Raum steht, wenn es folgenlose politische Apellen nach den Wahlerfolgen von Rechtsextremen gab. Die sehr unterschiedlichen ländlichen Regionen Deutschlands wollten wir im Projekt nicht nur unter Aspekten der Peripherisierung, Abwanderung und Überalterung betrachten, sondern auch als Spiel- und Freiräume wahrnehmen, die wir nutzen können. Mit dem Projekt wollten wir einerseits analysieren, wie auf Nazipräsenz und rechtsextreme Wahlerfolge reagiert wird und andererseits, wie gegenseitige Achtung, Würde und demokratische Kultur auf dem Lande gestärkt werden können. Dies erscheint besonders wichtig, weil die Rechtsextremen den ländlichen Raum mit der vermeintlich »intakten Volksgemeinschaft« seit Jahren gegen die städtische »Multikulti«-Globalisierung als Alternative in Stellung bringen und dies durch strategische Raumgreifungsversuche und Immobilienkäufe untermauern.
Bezugsrahmen des Projektes war dabei der normative, prozess- und handlungsorientierte Demokratiebegriff des amerikanischen Philosophen John Dewey, sowie die Überlegungen des Frankfurter Soziologen Jürgen Habermas zur deliberativen Demokratie, die auf die partizipatorische Mitwirkung aller Bürgerinnen und Bürger setzt. Zentral ist bei Habermas’ Demokratiebegriff die Öffentlichkeit, die bei ihm mehrere Funktionen besitzt: Sie ist nötig für das Wahrnehmen von Problemen und deren Thematisierung sowie für Transparenz und Kontrolle im Umgang damit. Garant für die Übernahme der Funktionen ist die demokratische Zivilgesellschaft. Ebenso galt es, die autoritären Prägungen durch die DDR wie auch zum Teil unaufgearbeitete Tradierungen des Nationalsozialismus und die Gefährdungen demokratischer Kultur im Blick zu behalten, wie beispielsweise die im ländlichen Raum häufig präsente »Schweigespirale«, die verbunden mit einem ebenfalls hohen Konformitätsdruck dazu führt, dass Rechtsextremismus ohne eine ausreichende Opferperspektive schnell dethematisiert und im gleichen Atemzug von »Nestbeschmutzung« gesprochen wird.

Auf dem Lande Bürgerinnen und Bürger beteiligen

Wir haben uns dem Kommunikationsprojekt mit der Auswertung unserer eigenen langjährigen Praxis und verschiedener Expertisen genähert und in zahlreichen Dialogtagen und Workshops in den Projektregionen Zossen und Fahrenwalde/Vorpommern unser Projekt diskutiert. Ergebnis aller Veranstaltungen und der erhobenen Sozialraumanalysen war, dass die Bürgerinnen und Bürger Interesse daran haben, sich an Entscheidungen, die ihre lokalen Angelegenheiten berühren, zu beteiligen. Dem gegenüber steht der Versuch der letzten Jahrzehnte mit relativ abstrakten Regional- und Strukturfonds den ländlichen Raum politisch steuern zu wollen. Entgegen den Erfahrungen aus städtischen Kontexten, wo Bürgerinnen und Bürger verstärkt über verschiedene Formen von Bürgerengagement oder Quartiersmanagement eingebunden werden, findet auf dem Lande Vergleichbares kaum statt. Relativ schnell war klar, dass wir den lokalen Nazi-Postillen keine eigenen Medienformate entgegensetzen wollen. Der Projekt-Beirat riet uns – angesichts der kurzen Projektlaufzeit – besser auf bestehende soziale Kommunikationsräume und die Kooperation mit den kommunalen Leitmedien zu setzen. Diese Kooperation und insbesondere das Interesse und die Experimentierfreudigkeit des Nordkuriers mit seinem engagierten damaligen Chefredakteur Michael Seidel und dem Geschäftsführer Lutz Schumacher können dabei nicht hoch genug gewürdigt werden.

Soziokulturelle Methoden und künstlerische Interventionen erproben

Kern des Projekts war der Versuch, demokratische Kommunikationsräume in Zossen und Vorpommern zu eröffnen. Dies waren das darstellende Kunstprojekt held/in_dorf, das zivilgesellschaftliche Heldinnen und Helden und deren Arbeit in Vorpommern bekannt gemacht hat, und das intergenerative Dialog-Projekt denkmal_weg in Zossen, wo steinerne und lebendige Denkmäler im Stadtbild bewusst oder unbewusst ihrerseits als sichtbare Zeugen für die Geschichte und die Auseinandersetzung mit der Demokratie und Rechtsextremismus stehen. Beide Projekte nutzen einen aktivierenden Ansatz, der mit soziokulturellen Methoden und künstlerischen Interventionen verschränkt ist

Das Projekt kann sich über eine rege Beteiligung vieler Initiativen, Einrichtungen und Vereine in beiden Projektregionen freuen, viele dauerhafte Kooperationen sind entstanden und die Handreichungen und eine Ausstellung zu den Projektergebnissen hinterlassen nachhaltige Anregungen für die Verbesserung der demokratischen Kultur vor Ort. Aber das kontinuierliche Engagement ist kein Selbstläufer. Im Laufe des Projektes ist deutlich geworden, dass auch immer ganz konkrete Aktionen notwendig sind, um sich in akuten Fällen rechtsextermer Gewalt und neonazistischen Raumgreifungsversuchen entgegenzustellen, wie dies bei einem NPD-»Pressefest« sehr erfolgreich gelungen ist, oder wie die Kolleginnen und Kollegen der RAA Mecklenburg-Vorpommern pointiert das Thema Polenfeindlichkeit in der Grenzregion bearbeitet haben. Die Gestaltung der demokratischen Kultur bleibt in jedem Fall eine gemeinsame Daueraufgabe, für alle Bürgerinnen und Bürger, ebenso wie für Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltung. Ein Gradmesser dafür ist und wird es in Zukunft noch stärker sein, der Umgang mit Minderheiten, Einwanderern und Einwanderinnen und Menschen, die aufgrund von Bürgerkriegen, ethnischer und religiöser Verfolgung oder wirtschaftlicher Not Zuflucht in Deutschland suchen sowie eine Einbeziehung der Perspektive von Frauen und älteren Menschen.

Das Projekt wurde gefördert durch das Bundesministerium des Innern im Rahmen des Bundesprogramms Zusammenhalt durch Teilhabe.

Timo Reinfrank, Stiftungskoordinator der Amadeu Antonio Stiftung

 
 
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