Reportage

Martin Gehl am Steuer des Bürgerbus von Homberg (Efze)

© Sabrina Feige

 

Ein Bus, der verbindet

Seit zwei Jahren rollt ein Bürgerbus durch Homberg (Efze). Darauf ist die vom demografischen Wandel besonders betroffene Kleinstadt mit Hilfe des Programms „Land mit Zukunft“ der hessischen Landesstiftung und der Herbert Quandt-Stiftung gekommen. Nun hat das Land Hessen die Idee aufgegriffen und ein Bürgerbus-Programm aufgelegt.

Von Katharina Müller-Güldemeister

 

Größer könnten die Unterschiede in Hessen kaum sein: Der Süden des Landes prosperiert und gehört zu den wohlhabendsten Regionen Europas, der Norden hingegen leert sich. Besonders die kleinen und mittleren Kommunen, die nicht in Pendeldistanz zu Ballungszentren liegen, haben es schwer. Viele der jungen Menschen ziehen für die Ausbildung in große Städte und bleiben anschließend auch dort, wegen der guten Jobs. In ihrer ländlichen Heimat sinkt hingegen die Kaufkraft und die Aufrechterhaltung der Infrastruktur lastet auf immer weniger Schultern.

Um diesem Trend entgegenzuwirken, haben die Herbert Quandt-Stiftung und die Landesstiftung „Miteinander in Hessen“ das Programm „Land mit Zukunft“ aufgelegt. Die Förderung zielte auf Projekte, die auf dem freien Markt nicht mehr funktionieren, deren Wert aber über die Gewinnerwirtschaftung hinausgeht. Neben der reinen Projektförderung übernimmt die Landesstiftung zusätzlich eine Scharnierfunktion zwischen Bürger*innen und Ministerien. „Wir haben das Know-how, Kontakte und Geld, aber das Geld muss nicht zwangsläufig von uns kommen“, erklärt Martin Gehl die drei Unterstützungsmöglichkeiten der Landesstiftung.

 

"Land mit Zukunft"

Für das Programm „Land mit Zukunft“ wurden sechs Kommunen ausgewählt, die vom demografischen Wandel und dem Strukturwandel besonders betroffen sind, darunter Homberg (Efze), eine von Fachwerkhäusern geprägte 14.000-Einwohner*innen-Stadt rund 40 Kilometer südlich von Kassel. „Das Programm setzt auf das Engagement der Bürger*innen und darauf, dass sie am besten wissen, wo der Schuh drückt“, sagt Gehl. Um das herauszufinden, wurde in den Kommunen zu Runden Tischen eingeladen. Bei der Auftaktveranstaltung kamen in Homberg 80 Leute – von Mitgliedern der freiwilligen Feuerwehr über die Stadtjugendvertretung bis zum Seniorenbeirat.

„In Homberg war schnell klar, dass es um Mobilität gehen soll“, sagt Gehl. Es gibt viele ältere Menschen, die auf einen Rollator angewiesen sind und es nicht mehr schaffen, die steilen Wege zum Bus zu überwinden, andere wohnen weitab der nächsten Haltestelle. Zudem war 2011 der Stadtbus eingestellt worden – eine Folge auf die Schließung des Krankenhauses – und die Busverbindung zwischen den 22 Stadtteilen, die einst eigenständige Dörfer waren, fuhr in den Augen vieler viel zu selten.

 

Die Erfahrungen mit Bürgerbussen andernorts nutzen

Bald kam am Runden Tisch der Vorschlag, einen ehrenamtlich betriebenen Bürgerbus einzurichten, um die Lücken im Nahverkehr zu schließen – eine Idee, die in Deutschland vor 30 Jahren zum ersten Mal umgesetzt wurde und die bei vielen Homberger*innen auf Begeisterung stieß. In einem der nächsten Treffen wurde Bürgerbus-Experte Holger Jansen vom Berliner nexus-Institut eingeladen, der erzählte, wie so etwas anzupacken sei. Spontan meldeten sich 20 Leute, die bereit waren, das Projekt umzusetzen.

Unter ihnen war auch Dirk Schumacher, Architekt und Geschäftsführer eines Wohnungsunternehmens, der für seine „nachberufliche Zeit“ eine neue Aufgabe suchte. Die Bürgerbus-Idee gefiel ihm und auch die offene Herangehensweise des Programms: „Die Runden Tische haben uns geholfen, dass wir über uns nachdenken. Ohne so eine initiierte Diskussion, gäbe es den Bürgerbus heute wahrscheinlich nicht“, sagt er.

 

Ein Bus wird gekauft

Die Herbert Quandt-Stiftung förderte das Projekt aus dem Budget „Land mit Zukunft“ mit 30.000 Euro. Davon wurden ein gebrauchter Bus mit 15 Sitzplätzen und ein Computer gekauft, es wurden Flyer gedruckt und die Gesundheitsuntersuchung für die Fahrer bezahlt. „Das Geld war natürlich ein wichtiges Instrument, damit das Projekt gelingt“, sagt Gehl. „Viel wichtiger aber war, dass sie gemerkt haben, dass sie etwas aus eigener Kraft schaffen können und nicht ihrem Schicksal ergeben sind.“ In der Entwicklungshilfe werde gerne gesagt: Gib einem Mann einen Fisch und du ernährst ihn für einen Tag. Lehre einen Mann zu fischen und du ernährst ihn für sein Leben. „Darum geht es bei unserer Arbeit auch.“

Geld und Expertise scheinen gut angelegt worden zu sein in Homberg (Efze). Seit zwei Jahren dreht „d’Bus“ nun seine Runden. Immer dienstags und donnerstags bringt er Menschen, die nicht mehr so mobil sind, zum Einkaufen, zum Arzt oder ins Zentrum, damit sie Freund*innen treffen können. An einem Fahrtag kommen rund 20 Fahrten und etwa 130 Kilometer zusammen. 110 Menschen nutzen das Angebot regelmäßig. Vielen geht es dabei nicht nur um Mobilität: Der Bürgerbus hat auch ein bisschen die Funktion eines Friseurbesuchs, bei dem man Neuigkeiten austauscht und sich über Gesellschaft freut.

 

Die Finanzierung langfristig sichern

Damit das Projekt nachhaltig ist, müssen im Jahr 15.000 Euro reinkommen. „Da ist bereits das Geld mit drin, das wir sparen müssen, um in sieben bis acht Jahren einen neuen Bus zu kaufen“, sagt Schumacher. Fahrgeld darf nicht erhoben werden. „Dazu bräuchten die Fahrer einen Personenbeförderungsschein. Aber es wird gespendet, dass es nicht nur klimpert“, erzählt er fröhlich. Weiteres Geld kommt durch Spenden von Ärzt*innen in die Kasse sowie durch Werbung auf dem Bus. Er ist so vollgeklebt, dass er von Kund*innen und Fahrern liebevoll als „fahrende Litfaßsäule“ bezeichnet wird. Daneben bezuschusst die Stadt das Projekt mit 3.000 Euro, stellt den überdachten Parkplatz und die Telefonzentrale zur Verfügung.

Mit Stolz in der Stimme erzählt Schumacher, dass die Zahl der Fahrer und Telefonist*innen von 20 auf 33 gewachsen und noch niemand abgesprungen ist. Neben der Begeisterung fürs Ehrenamt führt Schumacher das aufs direkte Feedback und das gute persönliche Verhältnis zurück. „Die Fahrer wissen, wem es schwerfällt, die Einkäufe ins Haus zu tragen und erledigen das dann“, sagt Schumacher. Die Dankbarkeit zeigt sich in den Spenden, in einem Lächeln oder auch in den Antworten einer Befragung. Hier wurde der Bürgerbus unter anderem als „zuverlässiger Freund im Hintergrund“ beschrieben.

 

Vom Einzelprojekt zum Programm

Homberg (Efze) ist nicht die einzige Stadt in Hessen, der die Landesstiftung zu einem Bürgerbus verholfen hat. In Bad König im Odenwald hatte sich bereits ein Verein zu diesem Zweck gegründet, der aber die Anschaffung nicht stemmen konnte. „Vereine haben das Problem, dass sie keine Leasingverträge abschließen können“, sagt Gehl. Hier konnte dank der guten Kontakte der Landesstiftung eine Lösung gefunden werden. Kurz darauf kündigte die hessische Regierung eine Offensive für den ländlichen Raum an, um unter anderem die Mobilität zu verbessern. 2,4 Millionen Euro stehen bis Ende 2019 zur Verfügung, damit können 60 Bürgerbusse angeschafft werden.

„Die Fahrzeugbeschaffung ist eine große Hürde, die mit dem Kauf über das Land aufgelöst wird. Bei der Menge sind natürlich auch ganz andere Konditionen möglich“, sagt Gehl. Er freut sich, dass die Erfahrungen aus den Pilotprojekten in Homberg und Bad König in das Programm und die europaweite Ausschreibung eingeflossen sind. „Die Busse haben eine zusätzliche Trittstufe und einen weiteren Haltegriff bekommen. Das sind kleine, aber sehr nützliche Sonderausstattungen.“ Der Bürgerbus in Homberg behilft sich derweil mit einem Hocker.

 

Wie kann man sich bewerben?

Gemeinden, die sich um einen dieser Bürgerbusse bewerben möchten, müssen zunächst eine Interessensbekundung abgegeben. Vom „Fachzentrum für Mobilität im ländlichen Raum“ wird dann geprüft, ob ein Bedarf besteht, ob der öffentliche Nahverkehr einverstanden ist und kein Taxiunternehmen geschädigt wird. „Der Bürgerbus muss eine klare Ergänzung sein und keine Konkurrenz zum bestehenden ÖPNV“, erläutert Gehl.

Wenn der Bedarf festgestellt wurde, müsse ein Betriebskonzept eingereicht werden, aus dem hervorgeht, wie der Bus eingesetzt werden soll, wie oft er fahren soll und welche Gruppen eingebunden werden.

 
 

Steckbrief Landesstiftung Miteinander in Hessen

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© Landesstiftung Miteinander in Hessen

 

Landes- oder Engagementstiftungen stärken Menschen, die sich vor Ort einsetzen und mitgestalten. Ihre Unterstützung ist zumeist unbürokratisch und fokussiert neben finanziellen Mitteln vor allem auf Beratung und Information, Vernetzung und Austausch sowie die Weiterbildung ehrenamtlich Engagierter. Sie entwickeln Projekte gemeinsam mit den Menschen vor Ort und machen durch professionelle Öffentlichkeitsarbeit auf das vielfältige Engagement in Regionen aufmerksam. Stellvertretend für andere wird hier die Landesstiftung „Miteinander in Hessen“ vorgestellt.

 
 

Förderbroschüre

Das Cover der Broschüre "Gutes Gedeihen lassen" vom BBE zeigt die Crew der Traumschüff geG bei ihrem Tourauftakt vor ihrem Theaterschiff
 

Gutes Gedeihen lassen. Mit Fördermitteln demokratische Kultur und Engagement in ländlichen Räumen stärken

Dieser Beitrag erschien in der BBE-Publikation "Gutes Gedeihen lassen. Mit Fördermitteln demokratische Kultur und Engagement in ländlichen Räumen stärken". Sie stellt anhand anschaulicher Praxisbeispiele verschiedene Fördermöglichkeiten im Themendreieck »Demokratiestärkung«, »Engagement« und »Ländliche Entwicklung« vor.

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