Reportage

Ein mit Graffitti besprühter Bauwagen, auf dem eine Getränkeliste und die Aufschrift "Dorf der Jugend" prangen, auf dem Gelände in Grimma

© Katharina Müller-Güldemeister

 

Grimmas Villa Kunterbunt

Als Tobias Burdukat ein Jugendlicher war, musste er für gute Musik und keinen Stress mit Nazis viele Kilometer weit fahren. Seit 2012 leitet er das „Dorf der Jugend“ in Grimma, einen Ort, den die Jugendlichen selbst gestalten sollen. Gefördert wird es vom Projekt „Neulandgewinner“ der Robert Bosch Stiftung, das ländliche Regionen in Ostdeutschland unterstützen will.

Von Katharina Müller-Güldemeister

 

Das "Dorf der Jugend" ist die Villa Kunterbunt unter den Jugendhäusern. Hier, in der ehemaligen Spitzenfabrik im sächsischen Grimma, ist die Welt wie sie Jugendlichen gefällt. Es gibt einen Skatepark, eine Graffiti-Wand, ein Basketballfeld, reife Tomaten im Gewächshaus, Proberäume, eine Fahrradwerkstatt und einmal im Jahr eine fette Sause: das Crossover-Festival. Auf mehreren Bühnen erklingt dann alles von Hiphop über Punk bis Techno und abseits der Bässe, in extra aufgestellten Jurten, werden Geschichten vorgelesen und Kurzfilme gezeigt. Daneben gibt es Workshops, etwa zu Siebdruck und Upcycling, Fatshaming oder Rassismus. Der Eintritt ist auf Spendenbasis. Jede*r soll die Möglichkeit haben, am Festival teilzunehmen.

Geld braucht so ein Projekt natürlich trotzdem und im Gegensatz zur Villa Kunterbunt liegt im Dorf der Jugend kein Koffer mit Goldstücken auf dem Schrank. So ziemlich alles, was es auf dem Fabrikgelände gibt, haben die Jugendlichen selbst gebaut, herangeschafft und organisiert. Einen Teil der benötigten Mittel verdienen sie durch Erlöse des Festivals, durch Vermietung des Gartens und durch Einnahmen des Cafés, das in einem alten Schiffscontainer untergebracht ist und direkt am Mulde-Radweg liegt. Der Wunsch ist, dass sich die Jugendarbeit irgendwann selbst trägt. In den letzten Jahren kam der größte Teil des Geldes durch Spenden und Förderungen in die Kasse, die die Jugendlichen mitbeantragt haben. Stiftungsgelder sind ihnen dabei am liebsten, weil sie weniger aufwendig zu beantragen und abzurechnen sind als staatliche Förderungen.

In den Jahren 2017 und 2018 förderte die Robert Bosch Stiftung das Projekt mit insgesamt 50.000 Euro und zwar im Rahmen des Programms „Neulandgewinner“, das Menschen unterstützen soll, die mit ihren Projekten den gesellschaftlichen Zusammenhalt im ländlichen Ostdeutschland stärken. Das Dorf der Jugend setzt das Geld vor allem für Handwerker-Workshops ein, die die Jugendlichen für Baumaßnahmen etwa beim Skatepark, im Tiefbau oder im Landschaftsbau anlernen.

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Der Initiator

Einen „Erwachsenen“ gibt es aber doch im Dorf der Jugend, auch wenn er mit seinen Tattoos an Armen und Beinen, dem Rauschebart und den riesigen Holzplättchen, die in seinen Ohrläppchen stecken, nicht unbedingt wie der Leiter einer Jugendeinrichtung aussieht. Er heißt Tobias Burdukat, wird von allen aber „Pudding“ genannt. Diesen Spitznamen hat der 35-Jährige zu Schulzeiten erworben, weil er bei kleinen Raufereien nicht nur gegen Jungs, sondern auch gegen Mädchen verlor. Seither trägt er diesen Namen mit einem gewissen Stolz.

Burdukat wuchs in einem Nachbardorf auf, das heute ein Ortsteil von Grimma ist. Damals gab es dort keinen festen Raum für Jugendliche. „Um nicht die immer gleiche Musik in der Dorfdisko hören zu müssen, sind wir für Partys und Konzerte in Jugendhäuser in der Gegend gefahren“, erzählt er. „Da gab es dann auch keinen Beef mit Nazis.“ Mit 17 Jahren organisierte Burdukat mit seinen Freunden dann die erste Auflage des Crossover-Festivals, um im kulturarmen ländlichen Raum einen Einblick in unterschiedliche Jugendkulturen zu geben. Nach der Schule absolvierte Burdukat eine Ausbildung bei einer Krankenversicherung, nebenbei stellte er Projekte mit Jugendlichen auf die Beine. Weil es ihm auf die Nerven ging, die Förderanträge dafür immer von einem*r Sozialarbeiter*in unterschreiben lassen zu müssen, studierte er schließlich selbst Soziale Arbeit.

 

Ein Ort zum Wachsen

Das Dorf der Jugend, das seit 2014 auf dem gepachteten Fabrikgelände zu Hause ist, geht auf Burdukats Abschlussarbeit zurück. Er beschäftigte sich mit der Frage, wie man Jugendarbeit im ländlichen Raum besser und wirkungsmächtiger gestalten kann, und bezieht sich damit auf die Arbeit in vielen Jugendhäusern. „Da sind eigentlich keine Jugendlichen mehr, es sind vielmehr erweiterte Horts mit Hausaufgabenhilfe und Bastelarbeit“, sagt er. Jugendliche bräuchten aber einen Ort, den sie aktiv mitgestalten und an dem sie frei sein dürfen. Gerade auf dem Land, wo es wenig Angebot gibt und man schnell in rechte Kreise geraten kann, sei das wichtig. Aber auch um Kontinuität zu schaffen. „Denn viele engagierte Jugendliche ziehen weg, wenn sie älter werden und es dauert, bis sich neue Gruppen gebildet haben.“

Als Burdukat 2012 eine Stelle in der Jugendarbeit angeboten bekam, nahm er sie unter der Bedingung an, die Arbeit nach seinen Vorstellungen gestalten zu dürfen. Mit dem Dorf der Jugend ist dabei ein kleiner Kosmos entstanden, der abgesehen von der unsicheren Finanzierung sehr gut funktioniert und auch schon einige Auszeichnungen wie die Goldene Henne und den Panter Preis der taz gewonnen hat. Eins der Geheimnisse ist wohl, dass Tobias Burdukat sich nicht scheut, den Jugendlichen viel Verantwortung zu übertragen. Die zweite Hälfte des Interviews zum Beispiel lässt er Johanna und Ruben sprechen und übers Gelände führen. Johanna ist 19 und schon seit fünf Jahren dabei, Ruven hat sein Freiwilliges Soziales Jahr hier gemacht. Mittlerweile studieren sie in Leipzig und Erfurt, kommen aber regelmäßig nach Hause – auch wegen dem Dorf der Jugend.

 

Es verbindet enorm, gemeinsam etwas zu schaffen

Sie zeigen gerne, was alles entstanden ist in den letzten Jahren, darunter den Skatepark, der erst kürzlich fertig geworden ist. „Die groben Elemente haben wir vom alten Platz in der Stadt, die aber nicht mehr TÜV-gerecht waren“, erzählt Johanna. Ruven zeigt an einer Stelle, wie sie vorher aussahen und jetzt, nachdem sie neue Holzplatten aufgeschraubt haben. Drei Wochen lang haben sie morgens bis abends daran gearbeitet. „Es verbindet enorm, etwas gemeinsam zu schaffen“, sagt Ruven. Dabei wird er die Rampen nie selbst nutzen, Skateboard fahren ist nicht sein Ding. „Ich habe es nicht für mich gemacht, aber es hat trotzdem Spaß gebracht“, sagt er.

Es ist auch diese Art zu denken, weswegen das Dorf der Jugend immer vielfältiger wird und dadurch auch für neue Generationen attraktiv wird. Gerade die offenen Angebote wie der Skatepark, das Basketballfeld oder der Garten werden gerne von Kindern und Jugendlichen genutzt. Für die Workshops, die Fahrradwerkstatt und die Mitarbeit im Café interessieren sich die meisten erst, wenn sie älter sind.

 

Von Sitzfleisch und langem Atem

Doch nicht alle Projekte gehen so leicht von der Hand. Förderanträge und Genehmigungen brauchen Zeit. Drei lange Jahre dauerte es von der Idee, ein Container-Café zu eröffnen, bis zur Einweihung. Einige der Jugendlichen, die das Projekt angestoßen hatten, waren dann schon weg. Auch der Veranstaltungsraum, der gerade in eine Fabrikhalle hineingebaut wird, und der eine wichtige Einnahmequelle werden soll, ist so ein Beispiel. Die Langwierigkeit zehrt an der Motivation.

Gut möglich, dass es aber gerade die schwierigen Geburten sind, die die Jugendlichen zusammenschweißen und sie dem Dorf der Jugend auch dann treu bleiben, wenn sich ihr Lebensmittelpunkt etliche Kilometer verlagert hat. Neben Ruven und Johanna gehören noch etwa zehn andere zum harten Kern, der größer wird, wenn eine Veranstaltung ansteht. Sie kommen in den Ferien oder am Wochenende, um sich auch weiterhin in der Öffentlichkeitsarbeit, beim Spenden sammeln, bei Arbeitseinsätzen auf dem Gelände oder bei Workshops zu engagieren. Indem sie weggehen und wiederkommen, bringen sie immer wieder frischen Wind mit.

 

Sich auch mal gegenseitig auf die Schulter klopfen

Das merkt man auch den Plenumssitzungen an, die im Dorf der Jugend so gar nichts mit den drögen Besprechungen gemein haben, die man mit diesem Wort assoziiert. An einem Sonntag Ende September moderiert einer der Jugendlichen die Nachbesprechung des Crossover-Festivals. „Auf der Tagesordnung steht, dass wir uns gegenseitig auf die Schulter klopfen sollen“, beginnt er und alle lachen. Tobias Burdukat sitzt mittendrin und fällt jetzt noch weniger auf als vorher. Anschließend wird darüber debattiert, ob beim nächsten Mal Bio-Essen angeboten wird und ob es eine Bühne weniger geben soll, damit mehr Platz zum Chillen bleibt. Es geht sehr gesittet zu, wenn man bedenkt, dass anderthalb Dutzend junge Leute ihre Meinung loswerden wollen. Reden darf, wem der Moderator das Wort erteilt hat, und wer seine Zustimmung ausdrücken will, macht das durch Gehörlosenapplaus (Hände werden neben den Ohren bewegt). Die Regeln stammen nicht von Burdukat, sie haben sich mit der Zeit entwickelt.

 
 

Steckbrief Neulandgewinner

Schriftzug Neulandgewinner in grün auf weiss
 

Mit dem Programm „Neulandgewinner. Zukunft erfinden vor Ort“ fördert die Robert Bosch Stiftung engagierte Menschen, die durch ihr Denken und ihr Tun den gesellschaftlichen Zusammenhalt in ländlichen Räumen Ostdeutschlands stärken. Das Programm wird alle zwei Jahre ausgeschrieben für die Bundesländer Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Die Ausschreibung der fünften Förderrunde startet im Dezember 2019.

 
 

Interview mit Sylvia Hirsch und Thomas Leppert

Portraits von Sylvia Hirsch und Dr. Thomas Leppert
 

Drei Fragen: Neulandgewinner

Das Programm „Neulandgewinner. Zukunft gewinnen vor Ort“ unterstützt engagierte Menschen, die durch ihr Denken und Tun den gesellschaftlichen Zusammenhalt in ländlichen Räumen Ostdeutschlands stärken.

Wir sprachen mit den Programmverantwortlichen Dr. Thomas Leppert (stellvertretender Leiter des Bereichs „Gesellschaft“ der Robert Bosch Stiftung) und Sylvia Hirsch (Senior Projektmanagerin und verantwortlich für das Programm „Neulandgewinner“) über das Programm und Projektressourcen im Allgemeinen.

 

Tobias Burdukat im Interview mit der taz zu "Wir sind mehr"

 

Förderbroschüre

Das Cover der Broschüre "Gutes Gedeihen lassen" vom BBE zeigt die Crew der Traumschüff geG bei ihrem Tourauftakt vor ihrem Theaterschiff
 

Gutes Gedeihen lassen. Mit Fördermitteln demokratische Kultur und Engagement in ländlichen Räumen stärken

Dieser Beitrag erschien in der BBE-Publikation "Gutes Gedeihen lassen. Mit Fördermitteln demokratische Kultur und Engagement in ländlichen Räumen stärken". Sie stellt anhand anschaulicher Praxisbeispiele verschiedene Fördermöglichkeiten im Themendreieck »Demokratiestärkung«, »Engagement« und »Ländliche Entwicklung« vor.

Gedruckte Exemplare senden wir gern zu, solange der Vorrat reicht: susanne.hartl@b-b-e.de

 

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