Reportage

Das Ortseingangsschild von Dersum vor einem Waldhintergrund

© Anke Lübbert

 

Dersum muss cool sein

Weil sie die Veränderung gestalten, ihr nicht nur ausgeliefert sein wollen, hat der Dersumer „Bürgerrat“ einen ersten Schritt gemacht und ist der Einladung zu einer Impulsmoderation gefolgt. Seit Jahren sinkt die Attraktivität des Ortes im Vergleich zu den Nachbargemeinden - das soll jetzt endlich aufhören.

Von Anke Lübbert

 

In Dersum, einem Dorf im Emsland, sieben Kilometer von der holländischen Grenze entfernt, lagen die Dinge lange so, wie sie schon immer waren. Mitten im Dorf thront die katholische Kirche, entlang der Hauptstraße stehen die Höfe aus Backstein mit den großen grünen Toren, hinter denen die Kühe ihre fette Milch geben. Seit Generationen. Die Jüngeren bauen ihre Einfamilienhäuser im Neubaugebiet, hinter Kirche, Gastwirtschaft und Schule.

Noch geht es Dersum und seinen 1500 Einwohnern nicht so schlecht. Aber trotzdem, seit ein paar Jahren ist der Wandel deutlich zu spüren. Immer weniger junge Leute bleiben im Dorf. Die Gemeinde hat Mühe, ihre Baugrundstücke zu verkaufen. Der Kinderbekleidungsladen hat dicht gemacht, auch der Blumenladen und der Tischler. Der Arzt starb und auch einen Zahnarzt gibt es nicht mehr im Dorf. Immer mehr Landwirte denken darüber nach, aufzuhören.

In der Fachsprache heißt das „demografischer Wandel“ und „Strukturwandel“. Dazu die Digitalisierung, jede*r kann jederzeit alles im Internet bestellen - ein paar Tage später ist es da. Gut für die, die auf dem Land wohnen. Einerseits. Andererseits lohnt sich bei der Konkurrenz kaum noch ein Laden im Ort.

 

Der Demografische Wandel und seine Folgen

Elisabeth Krull ist Bäuerin, sie hat drei Kinder im Teenageralter und steht jetzt in Gummistiefeln und warmer Jacke vor einem der grünen Tore, direkt gegenüber der Kirche. Drinnen warten die gerade eben erst reingetriebenen Kühe auf Futter. Ihr Betrieb ist seit unglaublichen zwölf Generationen in Familienhand.

Demografischer Wandel, für Elisabeth Krull heißt das konkret: Für den Wocheneinkauf in den Nachbarort fahren. Schwiegereltern zum Arzt chauffieren. Und ob der älteste Sohn Zukunft in der Landwirtschaft hat oder doch Mechaniker wird, ist längst nicht ausgemacht. Unterm Strich: Jedes Jahr ein bisschen weniger Leben im Dorf.

Sorgen macht ihr, dass es seit einiger Zeit, vielleicht seit zehn Jahren, einen negativen Trend gebe. Unter jungen Dersumer*innen gelte der Heimatort plötzlich als „uncool“, die umliegenden Dörfer als viel cooler. Warum wisse keiner so genau, aber wie das mit Trends so ist: Kaum war er da, wollten alle mitmachen. Bevor sie in den Stall zurück geht, Kühe füttern, sagt sie noch, dass sie hoffe, dass ihre eigenen Kinder später in der Nähe bleiben würden.

 

Wandel anstoßen

Auch im Gemeinderat von Dersum ist man wegen der Entwicklung unruhig. Deshalb bewarb sich die Gemeinde unter der Leitung des Bürgermeisters Herrmann Cossmann für ein Dorfentwicklungsprogramm des Bundes, zu dem auch eine Impulsmoderation gehört. Die  Idee des Dorfentwicklungsprogramms: Gemeinden sollen dem demografischen Wandel und Strukturwandel nicht hilflos ausgeliefert zusehen, sondern ermutigt werden, Visionen zu entwickeln und Potenziale zu nutzen.

Ende April 2018 saßen dann zehn Mitglieder des Gemeinderats im Dersumer Gemeindehaus. Ziel war, an einem Tag nicht weniger als einen Zukunftsplan für die nächsten 15, 20 Jahre zu entwickeln. Wenn sich Birgit Böhm von der Agentur mensch und region, die Moderatorin dieses Tages, daran erinnert, gerät sie ins Schwärmen: „Die kamen mit Sorgen, aber auch mit Ideen, hochmotiviert.“ Besonders sei gewesen, dass sich die Mitglieder über Parteigrenzen hinweg entschieden hatten zu kommen. „Wo hat man das schon mal, dass ein Gemeinderat geschlossen zu einer Moderation geht?“ fragt sie.

Hermann Cossmann, der Bürgermeister, ein eher gemütlicher Mann, dem man eine gewisse Emotionalität nicht gleich anmerkt, ist auch begeistert. „Das war schon eine tolle Erfahrung“, sagt er. „Jetzt kommt es darauf an, dass wir damit auch weiterkommen.“ Wie viele Dersumer arbeitet er nicht im Ort. Dort gibt es zwar einige Betriebe, vor allem das Glas-Unternehmen „Hero Glas“, aber auch eine Niederlassung von John Deere. Hier werden all die Kleinjungenträume, die grün glänzenden, landwirtschaftlichen Nutzfahrzeuge verkauft, mit denen die Dersumer Bauern auf dem Acker unterwegs sind. Aber Arbeit für viele ergibt das nicht, viele Dersumer*innen pendeln in die umliegenden Dörfer oder nach Papenburg, die nächste größere Stadt.

Cossmann sagt: Heute kommt es nicht mehr darauf an, dass alle im Dorf Arbeit finden. Pendeln  ist auch eine Option. Aber man muss das Dorf darüber hinaus attraktiv machen. Er setzt auf Vereinsangebote, auf Breitbandausbau, auf eine gute Nahversorgung, die das Leben im Alter in Dersum attraktiv, aber auch überhaupt erst möglich machen sollen.

 

Ideen heben mittels Dorfmoderation

Bei der Impulsmoderation im April sprudelten die Ideen. Ein Radweg über die nahe Grenze nach Holland  würde Touristen anlocken. Biokisten und insgesamt naturnähere Landwirtschaft die Lebensqualität verbessern. Weil den Gemeinderat besonders das miese Ansehen des Dorfes in der Öffentlichkeit beschäftigte, war die Idee eine Imagekampagne zu starten, vielleicht unter dem Motto „Dersum muss cool sein“.

„So ein negatives Image kann in Windeseile entstehen und ist existenziell bedrohlich“ sagt Birgit Böhm, „ klar dass man dann erstmal verunsichert und hilflos ist.“ Das Gute sei, dass gerade die Bewohner des Emslandes in der Vergangenheit immer mal wieder kollektiv erfahren hätten, dass sie zusammen etwas bewegen könnten. Der Bau der Emslandautobahn, den die Kommunen Ende der 1990er selber gestemmt haben, als klar war, dass der Bund die Autobahn erst 2017 fertigstellen wollte, ist da das prominenteste Beispiel. „Das vielleicht wichtigste Ziel von meinen Impulsmoderationen ist eigentlich immer, den Gemeinden klar zu machen, wo ihre eigenen Handlungsräume sind“, sagt  Birgit Böhm.

Das scheint ganz gut geglückt zu sein. Hermann Cossmann, der Bürgermeister, sagt, dass es nun um den nächsten Schritt gehe. Jetzt müssen die Bürger*innen mit ins Boot. Am besten so geschlossen, wie der Gemeinderat das vorgemacht hat. Demnächst wird die Einladung zu einem ersten Treffen rausgehen.


Lesetipps:

Dorfmoderation macht Betroffene zu Beteiligten: ein Beitrag im BBE Newsletter

Mehr zur Dorfentwicklung in Niedersachsen gibt es auf diesen Seiten des Niedersächsischen Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz.

 
 

Steckbrief Dorfmoderation

Logo Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
 

Um in Zeiten des Wandels eine aktive Dorfstruktur mit einer guten Nachbarschaft, Tradition und Naturnähe zu erhalten oder neu zu beleben, benötigen Dorfgemeinschaften Menschen, die sich kümmern – Dorfmoderator*innen: Methodisch geschult, können sie die konstruktive Kommunikation innerhalb der Dorfgemeinschaft fördern und die Umsetzung von Projektideen unterstützen. Die Förderung derselben kann von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich ausgestaltet sein. Detaillierte Informationen sind den jeweiligen Entwicklungsprogrammen der Länder zu finden, die wir hier verlinkt haben.

 
 

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Das Cover der Broschüre "Gutes Gedeihen lassen" vom BBE zeigt die Crew der Traumschüff geG bei ihrem Tourauftakt vor ihrem Theaterschiff
 

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Dieser Beitrag erschien in der BBE-Publikation "Gutes Gedeihen lassen. Mit Fördermitteln demokratische Kultur und Engagement in ländlichen Räumen stärken". Sie stellt anhand anschaulicher Praxisbeispiele verschiedene Fördermöglichkeiten im Themendreieck »Demokratiestärkung«, »Engagement« und »Ländliche Entwicklung« vor.

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