Engagiert: Gute Praxisprojekte

 

perspektywa - Vom Grenzraum zum Begegnungsraum

 

Das Projekt in Kürze

Zwischen der Randow und der Oder wird besonders sichtbar, was das europäische Zusammenwachsen für die Menschen in einer grenznahen Region bedeutet: unzählige neue Möglichkeiten eröffnen sich, aber auch schwierige Veränderungsprozesse und Verunsicherungen, wie mit der Situation umgegangen werden kann, sind zu beobachten. Wie sich die Chancen nutzen und die Herausforderungen gemeinsam bewältigen lassen, das erprobt das Modellprojekt "perspektywa". Dafür werden neue Möglichkeiten des deutsch-polnischen Zusammenlebens erprobt und Strukturen demokratischer Kultur entwickelt, die Begegnungen von allen Bürger_innen im Alltag ermöglichen. „perspektywa“ setzt bei den Bedarfen der Menschen vor Ort an und unterstützt sie dabei, sich untereinander zu vernetzen und gemeinsam handlungsfähig zu werden.

Das Projekt fußt auf dem Ansatz von Erkenntnissen zu Entstehungs- und Begünstigungsfaktoren von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF) und rechtsextremen Einstellungen. Das Einfordern von Etabliertenvorrechten für "einheimische Deutsche" mit der einhergehenden Abwertung von "Zugezogenen" aus dem Nachbarland Polen sind auftretende Phänomene, die ein harmonisches Zusammenleben von polnischen und deutschen Bürger_innen und ein Zusammenwachsen der grenzübergreifenden Region erschweren. Im Rahmen des Modellprojektes werden deshalb neue Formen der lokalen und spezifischen Wirksamkeit gegen Vereinzelungs- und Entfremdungserfahrungen entwickelt und etabliert. Es nimmt die konkreten Bedarfe vor Ort in den Blick, initiiert die Umsetzung von Verbesserungen gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung, um damit das Gefühl von politischer und sozialer Ohnmacht einzudämmen und Räume für Begegnungen zu eröffnen.

Konkret wird den Bürger_innen einzelner Dörfer in den Ämtern Löcknitz-Penkun im Landkreis Vorpommern-Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern) und Gartz (Oder) im Landkreis Uckermark (Brandenburg) angeboten, gemeinsam zu fragen: Wie sieht das Zusammenleben von deutschen und polnischen Bewohner_innen bei uns aus? Was haben wir bereits an Strukturen oder Ansatzpunkten? Was behindert uns? Was brauchen wir für die Zukunft? Mit diesen Bestandsaufnahmen und Visionen verabreden wir praktische Vorhaben, die wir gemeinsam umsetzen – mit dem Ziel, das Stettiner Umland als gemeinsamen Lebensraum für polnische und deutsche Bürger_innen zu gestalten.

 

Wie stärkt das Projekt die Gemeinschaft vor Ort?

Strategisches Leitziel des Projektes ist es, dass in den Gemeinden innerhalb der Ämter Löcknitz-Penkun und Gartz (Oder) ein intensives Zusammenleben zwischen deutschen und polnischen Bürger_innen stattfindet. In den Gemeinden existiert eine lebendige demokratische Kultur, die Engagement für den Alltag und die Zukunft der Gemeinden befördert. Antipolnische Ressentiments sind zurückgegangen, Agitationsversuche seitens Rechtsextremer treffen auf entschiedenen Widerspruch. Gerade in der Wahrnehmung der Notwendigkeit einer Gestaltung des deutsch-polnischen Zusammenlebens sind erste Erfolge sichtbar. Ebenso in der Initiierung gemeinsamen Engagements für das Gemeinwesen.

 

Wer beteiligt sich am Projekt?

  • Bürger_innen wurden über das Projekt informiert und zur Mitarbeit eingeladen. Darüber hinaus wurden Meinungsführer_innen gezielt einzeln angesprochen. Dabei war die Ansprache polnischer Zuzügler_innen oftmals einfacher, als die der alteingesessenen Deutschen.
  • Zivilgesellschaftlich Engagierte: Vereine sind wichtige Träger des gesellschaftlichen Lebens, um diese zu gewinnen war es notwendig, die Vereine direkt aufzusuchen und die Akteur_innen für das Projekt zu gewinnen und kontinuierlich einzubinden.
  • Kommunalpolitiker_innen und Mitarbeiter_innen der Verwaltung: Insbesondere die Amtsverwaltungen und ehrenamtlichen Bürgermeister_innen und Gemeindevertreter_innen sind in Einzelgesprächen und in Gremiensitzungen mit ihren eigenen Vorstellungen und Ideen bereits frühzeitig eingebunden worden.

Bild-Adresse:
Foto: RAA perspektywa

 

Welche Ergebnisse wurden bereits erzielt?

Das Projekt arbeitet zurzeit in drei Dörfern besonders intensiv. Aufgrund unterschiedlicher Ausgangsvoraussetzungen erfordert dies auch ein differenziertes Vorgehen. In einer Gemeinde gibt es einen starken Einfluss Rechtsextremer, das erfordert bürgerschaftliches Engagement als Normalität zu unterstützen, in einem anderen Dorf gibt es viele Engagierte, die teils nicht zusammenarbeiten und in der anderen Gemeinde haben Engagierte mit mangelnder Beteiligung zu kämpfen. In zwei Dörfern hat das Projekt im ersten Schritt Begegnungsmomente zwischen Deutschen und Pol_innen initiiert oder unterstützt.

Bei diesen Begegnungen wurden Bewohner_innen mit unterschiedlichen Ansätzen behutsam befragt, sei es in Form eines offenen Interviews durch deutsch-polnische Sprachmittler_innen oder eines moderierten Marktstandes. Gefragt wurde, was ihnen besonders gut in ihrem Dorf gefällt, worüber sie gern Gästen erzählen oder was sie ihnen zeigen, aber auch was ihnen nicht so gut gefällt und wo sie sich Veränderungen wünschen. Mit diesen Ergebnissen werden weitere passende Angebote mit engagierten Einwohner_innen, die sich wiederrum an alle richten, entwickelt.

Mit diesem Vorgehen versucht, das Projekt über bestehende Vorbehalte bereits Engagierter hinaus zu blicken und Skepsis gegenüber Veränderungen abzubauen. Gleichzeitig ist es uns dabei bei Engagierten gelungen, das deutsch-polnische Zusammenleben als selbstverständliche Bedingung des Engagements zu etablieren.

Beispielhaft ist das Engagement für die Entwicklung eines gemeinsamen deutsch-polnischen Vorhabens in einer Gemeinde: Die Idee wurde anfangs nur von wenigen getragen. Trotz hohen Einsatzes und moderierender Arbeit des Projektteams wurden erste Ideen immer wieder von einigen im Dorf angezweifelt und scheiterten bereits in der Vorbereitung an mangelnder Beteiligung. Ein Gemeinderatsbeschluss, der das Porjektvorhaben und perspektywa stärkte, gehörte ebenso zu diesem Weg wie zahlreiche Gespräche mit vielen Vereinen und engagierten Bürger_innen.

Erst ein mit dem Bürgermeister und mit den Vereinen in der Gemeinde geplantes Bürger_innentreffen führte zum Erfolg. Die Bürger_innen wurden durch das Projektteam eingeladen. Dabei hat es sich als sinnvoll erwiesen, ein Tag im Vorfeld in der Gemeinde von Haus zu Haus zu gehen und die Leute direkt am Gartenzaun anzusprechen und einzubinden.

Der Bürgertreff bei "deutscher und polnischer Bratwurst" war eine gelungene Veranstaltung mit 81 Teilnehmer_innen. Einen Einblick gibt ein kurzes Video.

Besonders waren dabei die deutsch-polnischen Gespräche, die durch Sprachmittler_innen hergestellt wurden. Um die Gespräche anzuregen, wurde ein Quiz veranstaltet. Die besten Ergebnisse erzielten die, die mit ihren deutschen oder polnischen Nachbar_innen zusammenarbeiteten. Die Sprachmittler_innen haben gleichzeitig die Gespräche an den Tischen nach einem festen Fragenkatalog strukturiert und anschließend dokumentiert. Dabei wurde gefragt: "Was gefällt, was fehlt den Bürger_innen in der Gemeinde?" und "Wie sollte es in der Gemeinde im Jahre 2030 aussehen?". Die Bögen wurden anschließend ausgewertet und dienen der weiteren Projektumsetzung. Häufig wurde der Wunsch nach einer besseren Zusammenarbeit mit der polnischen Partnergemeinde geäußert, die nur 3 km entfernt liegt, oder die Freizeit- und Nahversorgungsmöglichkeiten wurden thematisiert.

Aufgrund des gemeinsamen Erfolgserlebnisses hat die Gemeinde den Bürgertreff mit deutlich geringerer Unterstützung des Projektes und auf eigene Initiative in einem weiteren Ortsteil erneut durchgeführt. In einem dritten Treffen wurden konkret Angebote in der Gemeinde, wie die der Partnergemeinde, von den Bürger_innen gesammelt und eine gemeinsame Entdeckungsreise in die polnische Partnergemeinde geplant, mit dem Ziel, Angebote für die Bürger_innen der Gemeinde zu erschließen.

Das Beispiel zeigt, wie mit langem Atem, gemeinsames deutsch-polnisches Engagement angeregt werden kann und Begegnungsmomente und Gespräche zwischen deutschen Alteingesessenen und polnischen Zuzügler_innen hergestellt werden können. Gleichzeitig wurde mit einer veränderten Methode die Kritik- und Visionsphase einer Zukunftswerkstatt "gartenzauntauglich" transferiert und durchgeführt, und bildete die Grundlage für ein weiteres Engagement. Durch die teilweise eigenständige Adoption des Formates "Bürgertreff" durch die Gemeinde wurde Erfahrungs- und Methodenwissen den Handelnden der Gemeinde mitgegeben, auf das sie bei weiteren Herausforderungen zurückgreifen können.

 


Infokasten

Projektzeitraum: 1. März 2015 – 31. Dezember 2019

Zielgruppe: Bewohner_innen der Ämter Löcknitz-Penkun und Gartz (Oder)

Ihre Ideen und Vorschläge für das Zusammenleben in der Region stehen im Zentrum von "perspektywa". Das Projektteam unterstützt und begleitet sie dabei, neue Impulse für Begegnungen zwischen deutschen und polnischen Bürger_innen im Alltag zu entwickeln und auszuprobieren.

(Projekt)Partner: Ämter Löcknitz-Penkun und Gartz (Oder), Stiftung Internationales Studien- und Begegnungszentrum Dietrich Bonhoeffer in Stettin, Regionale Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie Brandenburg (RAA Brandenburg), Mobiles Beratungsteam Angermünde (MBT Angermünde)

(Bisherige) Teilnehmendenzahl: 1.077 Personen(2015), 1.618 Personen (2016)

Benötigte Ressourcen: Finanzielle Förderung, Büroräumlichkeiten mit Versammlungsraum, zwei Personalstellen vor Ort, Dienstwagen


 

Wo wurde das Projekt umgesetzt? 

Der direkte Aktionsradius beschränkt sich auf einzelne Dörfer in den Ämtern Löcknitz-Penkun und Gartz (Oder). In beiden Ämtern leben in insgesamt 18 Gemeinden zusammen 17.536 Einwohner_innen (Stand 31.12.2015). Die beiden Ämter bilden mit einer Fläche von insgesamt 691,57 km² und einer Bevölkerungsdichte von ungefähr 25 Einwohner_innen je km² den westlichen Rand des direkten Stettiner Umlands. Die geografische Lage der Region stellt besondere Rahmenbedingungen sowie Herausforderungen für die Unterstützung und Förderung der Entwicklung einer deutsch-polnischen Zivilgesellschaft in der grenzüberschreitenden Metropole Szczecin (Stettin) dar. Diese weitet sich unmittelbar bis in die Projektregion aus und immer mehr polnischsprachige Bürger_innen siedeln sich an. 2.542 Pol_innen leben in beiden Ämtern, 1.564 im Amt Löcknitz-Penkun und 978 im Amt Gartz (Oder). Sie machen damit 14,5 % bzw. 14 % der Bevölkerung aus. Dabei haben einzelne Gemeinden in unmittelbarer Grenznähe über 30 % polnische Bevölkerung, bspw. beträgt in der Gemeinde Nadrensee der polnische Bevölkerungsanteil 38 %. Für die Projektregion ergibt sich dadurch ein für ländliche Räume sehr hoher Anteil ausländischer Bevölkerung, insbesondere in Ostdeutschland. Bspw. sind an der Grundschule Löcknitz über 50 % der im Schuljahr 2014/15 eingeschulten Kinder polnischer Herkunft. Darüber hinaus nimmt die wirtschaftliche Verflechtung im Grenzraum weiterhin zu und viele polnischsprachige Bürger_innen pendeln weiter nach Szczecin zur Arbeit oder gründen kleine Unternehmen in der Region.

Bild-Adresse:
Foto: RAA perspektywa

 

Wer hat das Projekt initiiert? Inwiefern spielt eine Rolle, wer das Projekt initiiert hat?

Die Ausgangsbedingungen des Projektes sind dadurch gekennzeichnet, dass es mit der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) Mecklenburg-Vorpommern e. V. von einem landesweit etablierten Träger durchgeführt wird, aber bei den Bürger_innen in den Dörfern nicht wirklich verwurzelt war. Zwar hat der Projektträger hier ein Vorgängerprojekt durchgeführt; dieses aber war als Multiplikator_innenprojekt konzipiert und konzentrierte sich auf professionelle Zielgruppen wie Polizei, Verwaltung, Schule. Diese "Außenseiterposition" im Dorf hat allerdings auch Vorteile, sie ermöglicht, nach anfänglich intensiver Beziehungsarbeit, alle Akteur_innen an einen Tisch zu bekommen.

 

Ist das Vorhaben nachhaltig angelegt? Inwiefern?

Die zivilgesellschaftlichen Akteur_innen und die örtliche Verwaltung (Gemeinden, Ämter) erproben und führen Strukturen für ein Zusammenwachsen von Zugezogenen und Alteingesessenen – jenseits nationaler Zuschreibungen – erfolgreich durch, indem regelmäßig Begegnungen zwischen deutschen und polnischen Bürger_innen sowie ein Austausch über die Situation der Gemeinde und deren Zukunft stattfinden. Die Erfahrungen, die durch das Projekt erarbeitet wurden, wirken weiter und die Strukturen werden von lokalen Akteur_innen gepflegt, bzw. neue Strukturen aus den gewonnenen Erfahrungen selbst generiert.

 

Ist das Projekt übertragbar? Wenn ja, unter welchen Bedingungen? Was sind spezifische Faktoren?

Das Projekt ist insbesondere in andere Gebiete der deutsch-polnischen Grenzregion im ländlichen Raum (Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen) übertragbar. Darüber hinaus werden Anregungen zur Übertragbarkeit auf andere Migrationsregionen im ländlichen Raum bzw. für ein Quartiers-/Kiezmanagement, also Nachbarschaftspflege als Mittel gegen Vereinzelungsängste und Entfremdungserfahrungen, in der Gemeinwesenarbeit gegeben.

 

Was können Sie anderen mit auf den Weg geben?

Die Arbeit im ländlichen Raum mit direkten Akteur_innen in den Dörfern vor Ort unterscheidet sich wesentlich von der Arbeit mit Multiplikator_innen. Hierzu benötigt es einen längeren Vorlauf, um wirklich alle demokratischen Akteur_innen einzubinden.

 

Kontakt

Niels Gatzke, Projektleiter

RAA Mecklenburg-Vorpommern e. V.

Telefon: 039754 - 51 36 76

E-Mail: perspektywa@raa-mv.de

Website: www.perspektywa.de

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