Engagiert: Gute Praxisprojekte

Portrait Hohn

© privat/ Oliver Hohn

Oliver Hohn, Koordinator der Lokalen Partnerschaft für Demokratie Krakow am See und Mecklenburgische Schweiz

 

Eine Partnerschaft für Demokratie als Netzwerkknoten vor Ort

Was macht man als Koordinator einer "Partnerschaft für Demokratie"? Was macht die Struktur besonders für den ländlichen Raum so wichtig?

Als Koordinator stehe ich für die Antragsberatung und als "Netzwerkknoten" zwischen Vereinen, Verbänden, Zivilgesellschaft und Verwaltung zur Verfügung. Wesentlicher Teil meiner Arbeit ist die stabile Vernetzung der zivilgesellschaftlichen Strukturen vor Ort, damit diese auch nach Auslaufen der Förderung in 2019 gemeinsam Projekte realisieren und Ansprechpartner in der Verwaltung nutzen.

Die vielfältigen Nachteile, die das Leben im ländlichen Raum mit sich bringen, können nur über ein starkes zivilgesellschaftliches Engagement abgemildert bzw. ausgeglichen werden. Dabei findet man vor Ort immer wieder besonders aktive Menschen, die in vielfältigen Funktionen aktiv sind. Nur über ein breiteres Engagement kann diese (Aufbau-)Arbeit abgesichert werden, da durch den demografischen Wandel viele ehrenamtliche Strukturen überaltern.

Weggebrochene Strukturen werden bevorzugt von extremistischen Gruppen (in der Regel Rechtsextremist_innen) unterwandert, übernommen oder nachgebildet, was zu einer starken Beeinträchtigung des Lebens im ländlichen Raum führt. Die Menschen vor Ort fragen sich z. B.: Kommt die Freiwillige Feuerwehr auch zu mir wenn es brennt, obwohl ich mich gegen rechte Gruppierungen positioniere? Kann ich meine Kinder in den Sportverein schicken, wenn die/der Trainer_in offen rechtsextremistisches Gedankengut vertritt? Möchte ich mein Kind in eine Kita oder einen Hort schicken, dessen Elternvertreter_innen offen rassistisch auftreten?

Diesen Phänomenen treten wir entgegen, indem wir Strukturen vor Ort unterstützen und erhalten oder den Aufbau fehlender Strukturen anstoßen und befürworten. Gleichzeitig versuchen wir durch Projektarbeit mit Schüler_innen, offensiv aktuelle Problemlagen aufzuzeigen und Lösungsansätze zu diskutieren.

Ein weiterer Schwerpunkt ist – in Kooperation mit dem Regionalzentrum für demokratische Kultur Rostock –, die Erarbeitung eines Konzeptes zum Umgang mit Kindern aus rechtsextremen Elternhäusern. Dieses Konzept soll einerseits als Grundlage für die Arbeit von Multiplikator_innen (Lehrer_innen, Trainer_innen, Sozialarbeiter_innen etc.) und andererseits als Basis für gemeinsame Projekte im Themengebiet dienen.

 

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Jugendbeteiligung ist ein zentraler Aufgabenteil einer "Partnerschaft für Demokratie". Jugendliche auch nach dem Schulabschluss in ländlichen Regionen zu halten, ist nicht immer leicht – wie gestaltet sich Ihre Arbeit in diesem Bereich?

Aufgrund der fehlenden Mobilität ist der Aufbau eines klassischen Jugendforums, das den Vorgaben eines parlamentarischen Systems folgt, nur mit einem sehr hohen finanziellen Aufwand möglich. Daher entschieden wir uns für ein mehrstufiges System. Im ersten Schritt haben wir die Jugendlichen über die Schülerräte der vier eigenständigen Schulen im Fördergebiet angesprochen. Jeder Schülerrat erhielt im Jahr 2016 1.500 € für Projekte, die dadurch aber stark an den schulischen Rahmen angebunden waren. Außerdem erreichten wir Berufsschüler_innen und Gymnasiast_innen so nicht. Im zweiten Schritt werden wir eine WhatsApp-Gruppe für die Beteiligung aller interessierten Kinder und Jugendlichen anbieten. Die Werbung für diese Gruppe wird über Flyer und die regionalen Zeitungen erfolgen. Wir setzen aber darauf, dass sich die Mitglieder der Gruppe insbesondere über Mund-zu-Mund-Propaganda finden. Ergänzt werden soll dieses Angebot um Informationen und eine Beteiligungsmöglichkeit, die über die projekteigene Website angeboten wird.

Leider gibt es bisher nur wenige Angebote an Jugendliche, die ihnen eine Perspektive in ihrer Heimatgemeinde aufzeigen. Daher haben wir in Zusammenarbeit mit einem örtlichen Unternehmerverein und dem entsprechenden Schulförderverein eine regionale Ausbildungsmesse mit einem Begleitprogramm (Besuch von größeren Betrieben der Region, Ausbildungsbetriebe werben auf der Schulwebsite, Knigge-Kurs) organisiert.

 

Wie kommt Ihr Engagement in der Region an? Gibt es besondere Herausforderungen?

Anhand der Vielzahl von Beratungen, 22 geförderten Projekten in 2016 und bisher 23 geförderten Einzelmaßnahmen in 2017 (Stand September), gehen wir davon aus, dass die "Partnerschaft für Demokratie" in der Region gut vernetzt ist und das Engagement von der Zielgruppe angenommen wird.

Besondere Herausforderungen sehen wir zurzeit in den Bereichen Engagement gegen rechtsextremistische Tendenzen, da das Fördergebiet eine zentrale Rolle beim Aufbau völkischer Netzwerke in Deutschland spielt. "Der Landkreis Rostock ist besonders im südlichen Teil überdurchschnittlich durch die Präsenz rechtsextremer Haltungen herausgefordert, völkische Netzwerke sind in vielfältiger Hinsicht Teil der Alltagswelt geworden (...)." (Regionalzentrum für demokratische Kultur Landkreis und Hansestadt Rostock: Demokratiefeindliche Haltungen, Strukturen und Aktionsformen im Landkreis Rostock. Lagebild 2016, S. 2). Eine der Herausforderungen besteht darin, Kinder und Jugendliche aus rechtsextremen/rechtsextremistischen Elternhäusern zu erreichen, "ein gutes Lebens- und Lernumfeld (...) (zu schaffen), in dem humanistische Werte und universelle Menschenrechte erlebbar sind, ohne eine Zerreißprobe mit den Wertvorstellungen der Elternhäuser zu erzwingen (...)" (ebd., S. 8).

 

 


Hintergrund

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend fördert mit seinem Programm "Demokratie leben!" derzeit deutschlandweit 234 kommunale Gebietskörperschaften (Städte, Landkreise und kommunale Zusammenschlüsse) beim Aufbau von "Partnerschaften für Demokratie". In diesen kommen Verantwortliche aus der kommunalen Politik und Verwaltung sowie Aktive aus der Zivilgesellschaft – aus Vereinen und Verbänden, Kirchen bis hin zu bürgerschaftlich Engagierten – zusammen. Anhand der lokalen Gegebenheiten und Problemlagen entwickeln sie gemeinsam eine auf die konkrete Situation vor Ort abgestimmte Strategie. Den geförderten Kommunen stehen jährlich Gelder für einen Aktions- und Initiativfonds zur Verfügung. Mit diesen Mitteln können konkrete Einzelmaßnahmen, wie beispielsweise ein Demokratiefest, eine Plakataktion oder Lehr- und Informationsmaterialien, finanziert werden.

Die fachlich-inhaltliche Koordinierung der Einzelmaßnahmen erfolgt über eine Koordinierungs- und Fachstelle, die in der Regel bei einem freien Träger angesiedelt ist. Sie ist für die Steuerung der Umsetzung der lokalen "Partnerschaft für Demokratie" zuständig, fungiert als Ansprechpartnerin und trägt zur Bekanntmachung der vor Ort geleisteten Maßnahmen bei. Sie realisiert jährlich zwei lokale Demokratiekonferenzen, bei der alle relevanten Akteur_innen vor Ort eingeladen werden, gemeinsam den Stand, die Ziele und die Ausrichtung der weiteren Arbeit in der "Partnerschaft für Demokratie" zu reflektieren und zu bestimmen. Zudem werden in allen "Partnerschaften für Demokratie" Jugendforen eingerichtet, die von Jugendlichen selbst organisiert und geleitet werden. Als strategisches Gremium fungiert ein Begleitausschuss. Ihm gehören mehrheitlich lokale und regionale Akteur_innen aus der Zivilgesellschaft an sowie Vertreter_innen aus möglichst allen relevanten Ressorts der kommunalen Verwaltung und anderen staatlichen Institutionen.

 

Mehr Informationen auf den Seiten des Bundesprogramms Demokratie Leben!

Aktuelle Einblicke in die Arbeit der PfD Krakow am See/ Mecklenburgische Schweiz


 

 
 

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