denkmal weg

© (c) Fridolin Welti

 

Gemeinsam in Zossen. denkmal_weg, ein Projekt, das verbindet

Auf Augenhöhe begegneten sich am 8. Mai 2013 unterschiedlichste Akteure und Akteurinnen mit einem gemeinsamen Ziel: Demokratie zu leben, sichtbar zu machen und zu stärken. Nach monatelanger intensiver Vorarbeit setzten Zossener Bürgerinnen und Bürger dort ganz ausdrücklich Zeichen, wo steinerne Denkmäler im Stadtbild bewusst oder unbewusst ihrerseits als sichtbare Zeugen für Geschichte stehen. Mehr noch. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer machten eindrucksvoll deutlich, was Demokratie (für sie) bedeutet und wie man den hier seit Jahren agierenden Nazis mit öffentlichen Aktionen entgegentreten kann.


Demokratie in Bewegung


Aufgeregt und stolz zugleich präsentierten die Teilnehmenden, Initiatorinnen und Initiatoren die verschiedenen Projekte, beginnend am Kriegerdenkmal und dem Sowjetischen Ehrenmal am Zossener Kietz. Vor allem die Kinder, alles Mädchen aus dem Hort Zossen und Hort Wünsdorf, zeigen hier selbstbewusst, was sie alles über "die Geschichte" gelernt hatten. Auf meine Frage, warum sie hier mitmachen, antworteten sie einhellig: "Weil es Spaß macht!" Eine gute Antwort. Schließlich, warum auch sollte Demokratie keinen Spaß machen dürfen? Denn das ist es schließlich, worum es in diesem Projekt geht. Unverkrampft, aber dennoch kritisch mit Geschichte umgehen. Insgesamt 60 Menschen waren es, die über Monate eine interaktive Stadtbegehung künstlerisch erarbeitet, geprobt und schließlich am 8. Mai öffentlich vorgeführt haben. Das Projekt nach der Konzeption und Idee von Benno Plassmann und unter künstlerischer Leitung von Pip Hill und Benno Plassmann (The Working Party) sah vor, Performances mit den Bewohnerinnen und Bewohnern dieser Stadt an vier Denkmälern Zossens stattfinden zu lassen, deren Bedeutung und Hintergründe zu hinterfragen und in einen aktuellen Kontext zu setzen.


Ob sie denn schon mal Juden gesehen hätten, frage ich die Mädchen, die die Theatervorhänge der am Kiez aufgestellten Tore öffnen. "Nein", antworten sie und schauen mich noch neugieriger an, als ich ihnen erzähle, dass gerade eine Jüdin vor ihnen steht. Die Mädchen bewundern meine Kette und wollen mir nun unbedingt beweisen, dass sie das Gedicht "Nachtgedanken" von Heinrich Heine auswendig hersagen können. Stolz erzählen sie mir auch, dass sie bald an der Veranstaltung zur Bücherverbrennung teilnehmen werden und was sie dort genau tun werden. Es regt sie auf, dass die "Menschen damals nicht schlau sein sollten" und sie freuen sich darauf, Texte von Kästner und Heine zu lesen, die sie gemeinsam mit ihren Erzieherinnen Heike Hortian und Franziska Gesche einstudiert haben.


Neben dem 9. November markiert auch der 8. Mai ein besonderes Datum in der deutschen Geschichtsschreibung, die bis mindestens nach dem Fall der Mauer zweigeteilt war. Lange Zeit wurde der 8. Mai in der Bundesrepublik Deutschland als Tag der Niederlage der Deutschen angesehen, während er in der DDR in erster Linie als Tag der Erinnerung an die politisch Verfolgten des NS-Regimes wahrgenommen wurde – das Leid der verfolgten und ermordeten Jüdinnen und Juden wurde hier jedoch bewusst nicht thematisiert.

Und in Zossen? Wie empfinden die Bürgerinnen und Bürger der Stadt diesen Tag? Welche Erinnerungen gibt und gab es, wie wird der Tag heute wahrgenommen?


Initiiert durch die Amadeu Antonio Stiftung und ihr Projekt Region in Aktion - Kommunikation im ländlichen Raum, in Kooperation mit The Working Party, der Bürgerinitiative Zossen zeigt Gesicht, dem Seniorentreff des Mehrgenerationenhauses Altes Haus, den Wünsdorfer Werkstätten für behinderte Menschen, dem Hort Zossen und Hort Wünsdorf und einem Chor zeigten alte und junge Menschen, Menschen mit und ohne Behinderungen an den Denkmälern und Schauplätzen ihrer Stadt Präsenz. Der älteste dieser engagierten Teilnehmenden ist heute sechsundachtzig Jahre alt, der jüngste gerade mal sechs.


Bevor es zum nächsten Denkmal weitergeht, hören wir am Kietz die Namenslesung der gefallenen Soldaten der Roten Armee, von denen einige an diesem Ort begraben sind. Heute erinnert eine kleine Tafel an sie, nachdem 1989 die Grabtafeln entfernt wurden. Vorgesungen werden die Namen der Toten ausdrucksvoll und sehr sensibel von einem blinden Teilnehmer von den Wünsdorfer Werkstätten für Menschen mit Behinderung, der für seine Arbeit begeisterten Beifall erhält.


Erinnerungskultur neu erfahren und interpretieren


Dem Zug schließen sich nun immer mehr Menschen an und wir erreichen das Denkmal Nummer 2, das sich mitten auf dem Marktplatz in Zossen befindet. Vor einem Buchladen sind im Pflaster vier der insgesamt sieben in Zossen verlegten Stolpersteine eingebettet, die die Namen von vier zwischen 1942 und 1944 nach Auschwitz deportierten jüdischen Bürgerinnen und Bürgern Zossens tragen: Die der Familie Falk. Alex, Charlotte, Felix und Gerda. Sie hatten 1924 genau hier, am Marktplatz in Zossen gelebt, in dem Haus, in dem sich heute ein Buchladen befindet. Die Inhaberin war nicht nur damit einverstanden, dass eine Aktion direkt vor ihrem Laden stattfinden würde, sie hat vielmehr auch den Flyer der Amadeu Antonio Stiftung gut sichtbar in ihrem Schaufenster aufgehängt. Auch das ist keine Selbstverständlichkeit in einem Ort, in dem Stolpersteine über Jahre hinweg immer wieder von Rechtsextremen geschändet werden, ein Döner-Laden regelmäßig überfallen wird und das Haus der Demokratie 2010 in Brand gesetzt wurde.


Das Ziel des Projekts denkmal_weg war es vor allem auch, mit unterschiedlichen Personen in einen Dialog zu treten: über demokratische Kultur und Werte, vor allem durch die Auseinandersetzung mit lokaler Erinnerungskultur in Form der Denkmäler. An wen und wann, wie und warum wurde erinnert, das vor allem waren die zentralen Fragen. Das Projekt sollte niemanden ausschließen, sondern es unterschiedlichen Menschen ermöglichen, sich aktiv, ob öffentlich oder im Hintergrund, einzubringen. Konrad Schultze, Jahrgang 1925, erinnert sich noch sehr genau an die Zeit des Nationalsozialismus: "An Krieg dachte doch damals keiner. Die Schikanen an den Juden wurden verdrängt, die lebten hier ganz unauffällig, als Bürger unter Bürgern. Nach dem 9. November 1938 wurde aber doch mancher nachdenklich." Ganz still ist es auf dem Markplatz, als der alte Herr, vor den Stolpersteinen auf einem Stuhl sitzend, seinen von ihm selbst vorbereiteten Text liest. Und obwohl sich nun eine Traube von mehreren Dutzend Zuhörerinnen und Zuhörern um ihn gebildet hat, braucht er sein Mikrofon nicht. Man spürt, wie schwer es ihm auch heute noch fällt, das in den 1930er Jahren Erlebte zu begreifen, und das ist ein bewegender Moment für alle, die ihm heute zuhören dürfen. Klar und lebendig sind seine Erinnerungen an diese Zeit, bis auf eine: Er weiß nicht mehr, wie die Tochter der Falks aussah und es macht ihm zu schaffen, dass das Mädchen, damals nur acht Monate älter als er, heute in seinem Alter sein würde. Dass sie hier auch jetzt noch leben könnte, wenn die Nazis sie nicht verschleppt und ermordet hätten.

Genau das ist einer der großen Pluspunkte dieses Projekts. Das sich Annähern an die eigene Geschichte, den Prozess von Erinnerung zuzulassen und anzunehmen, Geschichte über Aktionen erfahrbar zu machen, ist vor allem auch ein Verdienst des Künstlerischen Leiters, Benno Plassmann. Er sieht die Aktion als "eine schöne Verbindung von Theater im öffentlichen Raum in Stein und in Theater im öffentlichen Raum als Menschen". Und weiter: "In Denkmälern fokussieren sich je nach Epoche bestimmte Werte. Sie sind konkreter Ausdruck der Erinnerungskultur oder Erinnerungspolitik einer Zeit. In diesem Projekt für Zossen dienen bestimmte Zossener Denkmäler als Bezugspunkt für eine kritische und kreative Auseinandersetzung mit Erinnerungskulturen der vergangenen 200 Jahre. Gemeinsam mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurden neue Formen der Wahrnehmung und Annäherung an diese Denkmäler erarbeitet, die am 8. Mai zu einer öffentlichen Veranstaltung werden."

200 Jahre Geschichte in anderthalb Stunden

Nur einige Schritte weiter findet dann auch schon die nächste und dritte Aktion statt, gegenüber dem Rathaus, an der Friedenseiche bei der alten Schule, am Marktplatz. Hier versammeln sich Mitwirkende, Zuschauerinnen und Zuschauer unter einer imposanten alten Eiche, die im Jahr 1817 gepflanzt wurde. Sie steht auch für die Erinnerung an die Befreiungskriege zwischen Frankreich und Preußen, Russland und Österreich und wird heute vor allem als Symbol für Frieden und Freiheit angesehen. "Freiheit, die ich meine" ist dann auch das Lied, das der gemischte Chor, begleitet von Akkordeon und Gitarre, an diesem Denkmal vorträgt.

Und während unten die Kinder bunte Bänder um den mächtigen Stamm der Eiche binden und so bildlich der Freiheit ein Denkmal setzen, schaukelt oben im Geäst ein junger Mann im durchscheinend-fragilen Engelsgewand:

Freiheit, die ich meine, die mein Herz erfüllt,
komm mit deinem Scheine, süßes Engelsbild!
(Auszug aus dem Lied "Freiheit, die ich meine")

Ein schönes Bild wurde hier von Teilnehmenden, Initiatorinnen und Initiatoren geschaffen, friedlich, harmonisch und sehr kunstvoll ist es, darin sind sich alle Beteiligten einig. Durch das Projekt und seine Aktionen wurde, und das wird hier besonders deutlich, eine Gemeinschaft geschaffen, die Menschen aus unterschiedlichsten Kontexten, unabhängig von Alter, Geschlecht und sozialem Status, zusammen gebracht hat. Dazu Stella Hindemith von der Amadeu Antonio Stiftung: "Besonders gefreut hat mich das Feedback von zwei Leuten bei der Generalprobe, die mir gesagt haben, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben Menschen mit Behinderungen kennen gelernt und mit ihnen zusammengearbeitet haben. Das hat mich deswegen so gefreut, weil diese Menschen sonst häufig aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeklammert werden. Und ich finde es ganz toll, dass sich diese Begegnung ergeben hat und die Leute das auch wahrgenommen haben. Dass sie gemerkt haben: Oh, die wohnen ja auch hier, und mit ihnen habe ich gar keinen Kontakt. Das ist einer der wertvollsten Effekte der Geschichte: Sich nicht in unterschiedlichen Gruppenzugehörigkeiten zu denken, sondern etwas zusammen zu machen, in einem gemeinsamen Rahmen und zusammen zu arbeiten. Dafür muss man nicht gleich sein, man kann ganz unterschiedlich sein."

Generationsübergreifend und demokratisch


Auf meine Frage an Benno Plassmann, wer die Auswahl der Volkslieder getroffen hat, und wie diese in den Kontext von heute eingebettet wurden, antwortet er:


"Die Auswahl der Lieder, die gesungen wurden, und die Auswahl der Texte, auch die Neubearbeitung einiger Texte, war ein Aushandlungsprozess mit den Leuten, die mitgemacht haben, die also ihre eigenen Vorstellungen darüber hatten, was zum 8. Mai passt. Natürlich brachten sie ihre eigene jeweilige Erinnerungskultur mit. Hier in Ostdeutschland, in Zossen, hat das viel mit der DDR zu tun und mit antifaschistischem Liedgut. Aus meiner Sicht geht es ja auch nicht darum, alte Formen zu reproduzieren und dadurch irgendetwas Museales zu schaffen, sondern darum, wie wir etwas hinterfragen und neu angucken können. In den 200 Jahre alten Liedern aus dem Befreiungskriegen, aus einer Zeit, in der die Eiche gepflanzt wurde, gab es Passagen, die geändert werden mussten, weil seitdem das Wort Deutsch eine Wandlung erfahren hat. Das kann man so nicht unreflektiert übernehmen. Ebenso vieles Liedgut aus der DDR, das man heute nicht so stehen lassen kann. Jedoch sind viele Leute in dieser Gesellschaft sozialisiert worden, für sie ist das eben auch ein emotionaler Zugang, den sie brauchen. Wir haben alles gemeinsam ausdiskutiert und hinterfragt, was dahinter steckt, und wer wozu fähig und willens ist das anzugehen."


Der vierte und letzte Punkt des darstellerischen Stadtspaziergangs durch Zossen bringt uns an den Gedenkstein der Vereinigten der Verfolgten des Naziregimes VVN. Dessen Inschrift "Unsterbliche Opfer" auf dem in den 1970er Jahren errichteten steinernen Mahnmal verweist auf den gleichnamigen Trauermarsch, der an die Toten der Russischen Revolution erinnert. In der DDR wurde das Lied vor allem bei den jährlichen Demonstrationen anlässlich des Todestages von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gesungen.


Nun versammeln sich alle Teilnehmenden, Initiatorinnen, Initiatoren und helfende Hände an diesem zentralen Ort, der idyllisch ganz im Grünen, in einem weitläufigen Park gelegen ist. Zum Abschluss der 8. Mai-Aktion wird hier wie selbstverständlich ausnahmslos aller Opfer gedacht, denen des nationalsozialistischen Regimes, aber auch das Gedenken an die russische Revolution ist präsent.


Nazis sind hier heute übrigens keine, die versammeln sich im nahen Königs Wusterhausen, wo die Bürgerinitiative nach Ende der heutigen Aktion in Zossen hinfahren und das braune Gebaren beobachten wird. Und sich dabei sicher die nächste Aktion ausdenkt, um ihm mit demokratischen Mitteln kreativ Einhalt zu gebieten.


Aktionen wie diese müsste es öfter und überall geben, denke ich mir. Anwendbar jedenfalls sind sie, das ist auch die Meinung von Benno Plassmann, überall: "Ich glaube, dass wir hier heute etwas umgesetzt haben, was als Grundkonzept in fast jeder Stadt anwendbar ist. Es gibt sehr oft fußläufig Denkmäler aus sehr verschiedenen Epochen. Im Ort, im Raum ist also eine Gleichzeitigkeit. Durch die Performances kann man sich ganz bewusst eine Erinnerungskultur, durch persönliche Erinnerung und persönliche Beziehungen, zu diesen Orten erarbeiten. Das ist eine Sache, die in jeder Stadt möglich ist."Stimmt, in Zossen jedenfalls bewegt sich was.

Bedarf an Austausch, kultureller Partizipation und demokratischer Teilhabe von Menschen in ländlichen Regionen. Und wie geht es weiter in Zossen?

Am Ende sind alle sehr glücklich und zufrieden über diese gelungene Aktion. Schade nur, dass die Bürgermeisterin, Michaela Schreiber, nur kurz vorbeischaute, dass überhaupt niemand von Politik oder Verwaltung vor Ort war und Gesicht gezeigt hat. Eine vertane Chance, denn Aktionen wie denkmal_weg zeigen, dass Menschen gemeinsam etwas bewegen können und dass es einen Weg gibt aus der Ignoranz und Sprachlosigkeit, wenn es um demokratische Kultur bzw. Rechtsextremismus geht. Dass das notwendig ist, beweist auch die Aussage des Angestellten im Döner-Laden gegenüber dem Zossener Bahnhof: "Nein, sicher fühle ich mich nicht, aber was soll man schon machen? Schließlich kann man sich nirgendwo sicher fühlen."

Sharon Adler

 
 
Hier geht's zur Umfrage!
 
 
Spenden Sie jetzt!