Vorhang auf

© (c) Fridolin Welti

 

Der künstlerische Leiter eines interaktiven Stadtrundgangs, Benno Plassmann, über seine Werke

ZOSSEN | Zu einer „Stadtperformance für Erinnerungskultur“ hatte die Amadeu Antonio Stiftung am Mittwoch im Rahmender Reihe „2013 – Zossen erinnert – an 1933 und die Folgen“ geladen.
MAZ: Herr Plassmann, wie können mit einem künstlerischen Stadtrundgang demokratische Werte gestärkt und an das Kriegsende erinnert werden?
Benno Plassmann: Wir wollten zeigen, dass Denkmäler aktiv in unsere Gesellschaft einbezogen werden müssen. Jeder Mensch muss in eine Beziehung mit seiner Umgebung treten und sie konkret gestalten, das ist wichtig für die Gesellschaft. Nur wenn wir gemeinsam etwas tun, kann unser Zusammenleben funktionieren. Der Rundgang heute hätte also niemals mit nur einem Künstler funktioniert.
Wie viele waren insgesamt an dem Projekt beteiligt?
Plassmann: Etwa 60 Leute zwischen 6 und 86 Jahren haben mitgemacht. Sie kame aus dem Hort Wünsdorf, dem Hort Zossen, den Wünsdorfer Werkstätten, dem Mehrgenerationenhaus "Altes Haus", der Bürgerinitiative Zossen zeigt Gesicht, von der Amadeu Antonio Stiftung und von unserer Künstlergruppe „The Working Party“.
Warum begann der Rundgang gerade Am Kietz?
Plassmann: Ich war vor fünf Jahren das erste Mal hier und finde diesen Ort sehr interessant. Hier stehen mit dem Kriegerdenkmal und dem Sowjetischen Ehrenmal zwei Denkmäler an einem Ort, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Hier werden zwei Zeiten an einem Raum zusammengefügt.
Was bedeuten Denkmäler für Sie?
Plassmann: Denkmäler sind Theaterstücke aus Stein. Das, was dort gezeigt wird, ist auch eine Form der Inszenierung, sozusagen Theater im öffentlichen Raum, nur eben deutlich langsamer. Und sie sagen viel über die Erinnerungskultur einer Gesellschaft aus. Das Kriegerdenkmal erinnert anonym an alle gefallenen Soldaten aus mehreren Kriegen. Das sowjetische Ehrenmal ist viel persönlicher, hier werden Namen genannt.
War der Rundgang heute auch Theater im öffentlichen Raum?
Plassmann: Ja, genau, auch wenn wir kein Theater gespielt haben. Mit den roten Vorhängen, durch die wir gegangen sind, haben wir das Theaterstück sozusagen beginnen lassen. Gleichzeitig steht der Vorhang auch für die Geschichte, um die es heute ging. Helmut Kohl hat einmal gesagt, wir müssen den Zipfel der Geschichte zu fassen bekommen.
Heute waren häufig Kinder zu sehen. Welchen Stellenwert hatten die für Ihr Projekt?
Plassmann: Die Kinder sind von anfang an dort, wo die Geschichte anfängt und wo die Geschichte weitergeht. Ohne Kinder wäre hier nichts denkbar.
Von der Friedenseiche vor der Kirche waren viele Bänder gespannt. Welche Bedeutung hatten die?
Plassmann: Das Thema dieses Ortes war Freiheit. Zum einen durch die Eiche, die zu Zeiten der Befreiungskriege gepflanzt wurde. Seitdem steht der Baum für Frieden und Langlebigkeit. Von dort ging ein Band zu dem Haus, das mal das Haus der Demokratie werden könnte. Und ein weiteres verband den Baum mit dem Hof der alten Schule, wo zu Nazi-Zeiten gefoltert und gerade die Freiheit entzogen wurde.
Aber sicherlich darf man nicht einfach in eine hunderte Jahre alte Eiche klettern, oder?
Plassmann: Wir haben eine Genehmigung vom Umweltamt bekommen. Und Martin Ertl, der dort oben im Baum auf einer Schaukel saß, ist gelernter Baumpfleger. Er weiß also, wie man sich vom einem Baum abseilt.
Interview: Lisa Rogge, Märkische Allgemeine Zeitung
Der Artikel erschien zuerst in der Märkischen Allgemeine Zeitung (PDF-Dokument, 668.2 KB) und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung.
Die im Interview genannte Bürgerinitiative Zossen zeigt Gesicht, das Mehrgenerationenhaus "Altes Haus" und das Haus der Demokratie wurden aus dem Interview in der Druckversion von der MAZ heraus gekürzt. Wir haben sie der Vollständigkeit halber wieder in das Interview aufgenommen.
 
 
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