Zossen Zeigen

 

Am 3. Juni 2012 organisierte Region in Aktion gemeinsam mit The Working Party die Aktion "Zossen Zeigen". Es trafen sich Kinder aus dem Hort der Bunker- und Bücherstadt Wünsdorf, sowie Zossener Skater mit uns und der Dritten Generation Ostdeutschland zum gemeinsamen Stadtspaziergang. Kinder und junge Erwachsene zeigen ihren Blick. Was ist ihnen wichtig an ihrer Heimatstadt und was möchten sie gerne Fremden zeigen?

Einfach nur skaten

Es ist ein verregneter Sonntag, die Stadt liegt wie ausgestorben da. Die Skater von Zossen warten bereits am Bahnhof. Vier sind gekommen und schützen sich unter einem schmutzigen Wellblechdach vor dem Wetter. Der harte Kern einer Gruppe, die sich vor 15 Jahren gebildet hat. Der 25-jährige Maik ist Kfz-Mechatroniker und lebt noch immer in der Gegend, genau wie Timo, 27, der als Lagerist arbeitet. Carsten ist zurzeit wieder Schüler und lebt in Dresden und der angehende Mediengestalter Christian, 23, in Berlin.
Gut, dass sie da sind, nach Zossen gekommen sind. Denn das ist ihr Tag heute. Soeben kommt ein großer Reisebus angerollt, an dem groß der purpurfarbene Schriftzug der “3. Generation Ost” prangt. Dieses Projekt wurde 2010 von neun jungen Menschen gegründet, um die zwischen 1975 und 1985 in der DDR geborenen Menschen zusammenzubringen und sichtbar zu machen - und um die Ost-West-Diskussion aus ihrer Perspektive mitzugestalten. Nun befindet sich die Truppe auf Ostdeutschland-Tournee, nicht nur um ihre Initiative bekannter zu machen, sondern auch um kulturelle und bürgerschaftliche Initiativen vor Ort zu treffen. Und heute möchten sie die Geschichte der Zossener Skater kennen lernen.


Die 3. Generation trifft die 3. Generation

Etwa 20 Leute steigen aus dem Bus, junge Menschen zwischen 25 und 35 Jahren, Menschen der 3. (und letzten) Generation der in der DDR Geborenen, um anderen Menschen ihrer Generation zu begegnen. Sie rücken förmlich mit Kind und Kegel an, ein regensicher präparierter Kinderwagen vervollständigt die Menschentraube, die sich inzwischen am Wellblechdach in Zossen gebildet hat. Als ein gesamtes Kamerateam mit dem Filmemacher Gunther Scholz und eine Fotografin in Erscheinung treten - sie dokumentieren die Ostdeutschlandreise der “3. Generation” -, scheinen sich Maik, Timo, Carsten und Christian doch ein wenig unwohl zu fühlen. Ob sie mit so viel Aufmerksamkeit gerechnet haben?
“Gar keine Skater hier?” fragt jemand. Und in der Tat gehen die Vier in diesem Moment in der Gruppe ziemlich unter. Auf den zweiten Blick könnte man vielleicht an der etwas lässigeren Kleidung mit Turnschuhen und weiten Hosen erahnen, dass vier Leute der Anwesenden zu einer anderen Gruppe gehören als der Rest. Sie geben sich zu erkennen, alle müssen lachen ob der Verwirrung, die Stimmung ist jetzt ein bisschen gelöst.
Wie mag es sein, in Zossen aufzuwachsen? Was können ein paar Jugendliche in einer Kleinstadt in Brandenburg erreichen? Das interessiert Johannes, einen der Mitbegründer von “3. Generation”. Deswegen steht er heute in Zossen im Regen, und sagt, dass er sich freut, dass auch die anderen mit ihm im Regen stehen, während er ein paar Regentropfen mit einer schnellen Kopfbewegung von seinen langen Locken abschüttelt. Sie seien eine Gruppe von wilden Leuten (er lacht, es ist offensichtlich, dass er das selbst nicht so ganz glaubt, die anderen fallen in sein Lachen ein), die irgendwo im Osten geboren sind, und auf ihrer kleinen Tournee mal gucken wollen, wo ist denn was los, was machen denn die Leute so im Osten dieses Landes.
Von den Skatern ergreift Carsten das Wort, erzählt, wie auf einer Zukunftskonferenz die Idee eines Skaterparks in Zossen entstand, wie sie von Tür zu Tür gingen, um dafür Spenden zu sammeln, und wie sie nun zwar zum Teil gar nicht mehr hier wohnen, aber cool finden, dass Kids von überall her kommen, um auf dem Platz zu skaten, für den sie gesammelt haben. Er stellt das Licht der Skater damit ein bisschen unter den Scheffel, denn sie haben nicht nur ein paar Euro gesammelt, sondern das ganze Projekt durch jahrelange Nerverei bei den Obrigen der Stadt verwirklicht. Eine Pause entsteht, als Carsten mit seiner Vorstellung fertig ist und fast betreten - unsicher - zu Boden schaut. “Und ihr wollt uns jetzt Zossen zeigen, euer Zossen?” fragt ein Mädchen der “3. Generation” ins Schweigen hinein. “Können wir machen”, sagt Carsten. War ja eigentlich klar, deswegen haben sie sich ja getroffen. Na Gottseidank, die peinliche Pause ist überbrückt. Es kann losgehen. Der Tross macht sich auf zu Lidl, wo die Skatergeschichte ihren Anfang nahm.


Ein Hintergrund, zwei unterschiedliche Wege

Sie sind eine Generation, haben ganz unterschiedliche Prägungen. Die einen haben sich einen Namen gegeben, eine Organisation aus dem akademischen Umfeld in Berlin heraus gegründet, wollen eine öffentliche Diskussion mitgestalten. Die anderen haben sich nach der Schule getroffen, sie haben keinen Namen, keine Organisation, sie wollten einfach nur skaten. Gemeinsam ist beiden Gruppen, dass sie mit ihrem Anliegen gehört werden wollten und dass sie damit Erfolg haben. Die “3te Generation Ostdeutschland” konnte für ihre Tour von einzelnen Bürgern wie den Skatern, die etwas bewegen, bis hin zu Politikern auf Landes- und Bundesebene Gesprächspartner gewinnen. Die anderen haben - nach vielen, vielen Jahren - ihre Skaterbahn bekommen. Was werden sich die beiden Gruppen, die gleich und doch verschieden sind, zu sagen haben, welche Erfahrungen teilen sie auf ihren unterschiedlichen Wegen?
Carsten fragt die Besucher, ob sie als Außenstehende schon mal was von Zossen gehört haben. In seinem Erleben würden Leute nämlich immer mit “Oh!” reagieren, wenn er erzählt, wo er herkommt - zum Beispiel weil hier im Jahr 2010 das Haus der Demokratie der Bürgerinitiative “Zossen zeigt Gesicht” durch Brandstiftung eines von Rechtsradikalen angestifteten Jugendlichen niederbrannte, was für mediale Aufmerksamkeit sorgte. Nervig für einen, der hier eigentlich ganz normal aufgewachsen ist. Der einzige der Besucher, der den Ort Zossen schon vorher kannte, ist Regisseur Gunther - weil seine erste Frau aus dem Nachbarort kommt. Daher sei er im Jahr 1972 schon mal hier gewesen, lange her, wie er schmunzelnd erzählt.
Dieses “Oh!”, das Carsten beschreibt, es ist kein Zossen-Problem, es scheint ein Ostdeutschland-Problem zu sein. Johannes von der “3. Generation”, der aus Dresden kommt, erzählt, dass er das “Oh!” auch gut kennt. Es kommt durch, dass ihn das ebenfalls oft nervt. “Deswegen machen wir unsere Tournee, um zu sehen, was ist wirklich los.” Vielleicht gelangt man so langsam vom “Oh!” zum “Ah!”, im Idealfall.


Auf einem Supermarktparkplatz fing alles an
Vor 15 Jahren war in Zossen sehr wenig los. Ein paar Jungs haben nur einen Wunsch: einen geeigneten Untergrund für ihre Bretter zu finden, einfach nur skaten. Keine leichte Sache in einer Stadt wie Zossen. Eine große, ebene Fläche? Wo sich niemand gestört fühlt? Da bieten sich vielleicht Parkplätze an. Auf dem Parkplatz von Lidl durften sie fahren, im Gegenzug haben sie den Parkplatz am Wochenende sauber gefegt. Ein Anfang, ein erster Erfolg. Als hier aber irgendwann ein riesiger Container aufgestellt wurde, war der Spaß vorbei, der verbleibende Platz zu eng.
Auf die Frage, was es denn früher sonst noch so für Jugendgruppen hier gab, meinen sie, so das Übliche: Ein paar Hip-Hopper, ein paar Punks, ein paar Rechte. “Die Rechten wurden aber gar nicht so wahrgenommen, wie man heute denkt”, sagt Maik schnell. Nur eine Randerscheinung, sie seien auch beim Skaten nie behelligt worden. Die Medien stellen das alles ziemlich übertrieben dar über Zossen, da sind sich die Skater einig. Sie haben Zossen eigentlich in erster Linie ruhig in Erinnerung, mit vielen schönen Seen. Auch finden sie die ganze Rechtsradikalen-Fragerei sichtlich ein bisschen nervig. Das Baby, das im Schlepptau der “3. Generation” dabei ist, stimmt ihnen da zu, indem es plötzlich lauthals anfängt zu schreien. Kein angenehmes Thema. Zeit, weiterzugehen.


Ein erster kleiner Platz
Das nächste Areal, was sich die Skater erobert haben, ist das alte Bahnhofsgebäude von Zossen. Der Trupp marschiert langsam durch den Regen vom Lidl dort hin. Ein paar Jugendliche lungern unter dem ausladenden Vordach des schönen alten Bahnhofsgebäudes herum, trinken Bier, hören Musik, rauchen irgendwas. Die Skater geben sich peinlich berührt, das sind “die anderen”, das ist nicht ihre Kultur, sie sagen das passe ja wieder prima ins Bild, dass diese anderen just in diesem Moment da sind.
Das Bahnhofsgebäude hat auf einer Seite eine Fläche aus Betonplatten, eine Art Terrasse auf ca. 1,5 Metern Höhe mit Blick auf die Gleise. Hier konnten sich die Zossener Skater ihre eigene kleine Skatebahn bauen, ohne dass es jemanden gestört hätte. Sie haben eine kleine Betonrampe gegossen und eine Metallstange zum Grinden, zum Entlanggleiten, schräg in den Boden eingelassen. Ob schon mal jemand hier runtergefallen ist, fragt der lockige Johannes, der wohl noch nie auf einem Skateboard gestanden hat. Na klar, und nicht nur einmal.
Regisseur Gunther bittet die Skater zur Rampe, damit sie ihm mal vor der Kamera erzählen, wie sie die gegossen haben und was man damit so machen kann. Maik ist gerade unpässlich, er telefoniert und raucht die x-te Zigarette. Die anderen rufen ihn, er kommt herbeigeeilt, holt sein Skateboard heraus, das er sorgfältig als Wasserschutz in Plastik verpackt hinten auf seinen Rucksack geschnallt hat. Er gibt es Christian, der nun mit den Händen vorführt, wie man am besten über die Rampe springt, ohne gegen die Gebäudewand zu knallen.


Und dann die Bahn
Letzte Station des Rundgangs: Die Skaterbahn. Sie glänzt im Regen, der spiegelglatte Beton sieht heute aus wie eine Eisbahn. 10 Jahre, so lange haben die Skater für diese Skaterbahn in Zossen gekämpft. 10 Jahre durchhalten, Spenden sammeln, mit der Stadt verhandeln. Irgendwann wurde die Bürgermeisterin weich und die Bauarbeiten begannen vor einem dreiviertel Jahr. “In der Zeit haben sie es geschafft, den Platz zu planen, zu finanzieren und zu bauen. Man fühlt sich ein bisschen verarscht”, sagt Maik. “Nur um den Platz zu bekommen haben wir schon sechs Jahre gebraucht.”
13.000 Euro hatten sie über Spenden gesammelt - durch Klingeln an Haustüren, durch Vorskaten auf Dorffesten, durch Eintreiben von größeren Spenden bei lokalen Unternehmen. Dann haben sie für diesen Betrag Angebote von Firmen, die auf Skateplätze spezialisiert sind, eingeholt. Sie sind zur Stadt hin und haben gesagt: Hier habt ihr das Geld und den Plan, damit könnt ihr den kompletten Platz bauen, wir brauchen bloß noch die Fläche. Doch sie wurden ständig vertröstet, nichts passierte, zwischendurch wurde sogar das Spendenkonto eingefroren, sie wissen nicht mal warum genau.
Aber sie ließen nicht locker, sprachen die Bürgermeisterin immer wieder an, auch bei öffentlichen Veranstaltungen. “Mich wundert es ehrlich gesagt, dass der Platz jetzt wirklich steht, echt krass”, meint Carsten, blickt wie um sich noch einmal zu vergewissern rings umher. “Zwischendurch war es so aussichtslos, man kam sich bescheuert vor, an irgend ner Türe zu klingeln und um ein paar Euro zu bitten.”
Doch nun heißt es Bahn frei in Zossen, und die Jugendlichen strömen in Scharen herbei - aus dem Umkreis von bis zu 30 Kilometern, denn es gibt nicht viele Skaterbahnen in Brandenburg. Bald soll es noch eine offizielle Einweihungsparty des nagelneuen Platzes geben.
Gunther, der Filmemacher, der die “3. Generation Ost” auf ihrer Reise filmisch begleitet, zeigt sich beeindruckt vom Tag. Er gehört selbst zur erstgeborenen Generation in der DDR. Im Vorfeld war er sehr skeptisch, gibt er zu, ob das mit diesen Skatern was wird. Doch er ist wirklich beeindruckt, was die Jungs hier erreicht haben.
Zum Skaten gibt es jetzt nur noch ein Hindernis: Wenn es regnet, so wie heute. “Die Kugellager rosten, es macht keinen Spaß und man rutscht aus, und eine Woche später hat man die Konsequenzen, wenn das Brett vom Wasser weich ist”, erzählt Christian. Ein anderes Hindernis könnte vielleicht noch der Verschleiß des eigenen Körpers sein, denn “man kommt doch ab und an mal mit einer Schürfverletzung nach Hause, oder mit einem Kreuzbandriss oder Knochenbruch. Aber es ist halt mein Hobby”, sagt Maik. Die Vier fangen an, ihre Wehwehchen der letzten Zeit aufzuzählen, von verstauchtem Knie bis zum Bandscheibenvorfall. Und Carsten meint, dass er mal gespannt ist, wie es seinem Körper so in 20 Jahren geht.


Gruppentherapie im Pub
Inzwischen ist es Abend geworden in Zossen. Im E-Werk lassen die zwei Gruppen der 3. DDR-Generation den Tag ausklingen. Das ehemalige Elektrizitätswerk der Stadt beherbergt heute ein Pub, durch das man eine riesige Fabrikhalle erreicht, die mit einer Bühne ausgestattet ist. Sie haben sogar mal in dieser Halle ihre Bretter rollen lassen, erzählt Timo, der heute noch nicht so viel gesagt hat, dafür aber mit seinem türkisfarbenen Kapuzenpulli aus dem grauen Wetter hervorsticht. “Meine Fresse, wo wir schon überall geskatet haben!”
Und dann sieht man sie doch noch rollen an diesem verregneten Sonntag, die Skater von Zossen. Zwar nur auf der Leinwand, dafür aber das Beste vom Besten aus 10 Jahren Skaterleben, selbst gedreht und geschnitten, und heute hat der Film Premiere. Zossen, Berlin, und schließlich vor kurzem eine große Reise nach Málaga, überall sind sie mit ihren Brettern schon über Plätze gerollt, über Bänke und Geländer gesprungen, haben sich wunde Knie geholt.
Nach Ende des Films kommen alle miteinander ins Gespräch, es bildet sich wie von selbst ein Stuhlkreis, und es ist ein bisschen wie in einer Therapiesitzung, aber ohne dass das jemand anleiten würde. Es gibt einzelne Wortmeldungen zu Themen wie Jugend, Ost und West, Jugendkultur, Freundschaft, Heimat, Groß- und Kleinstadt. Fast alle beteiligen sich an der Gruppendiskussion. Man merkt, die dritte Generation hat sich ganz schön viel zu sagen, da können die persönlichen Hintergründe noch so verschieden sein. Ein guter Abschluss des Tages.
“Heute konnten wir mal sehen, was wir eigentlich erreicht haben”, resümiert Maik am Ende. Im jahrelangen Klein-klein seien einem die Fortschritte gar nicht mehr bewusst gewesen. Therapieziel erreicht.
Die Nacht ist über dem E-Werk hereingebrochen, als sich alle im Regen auf den Heimweg machen. Ja, es regnet immer noch in Zossen. Doch hat es nicht ein wenig nachgelassen?

Interviews

Raffaele Nostitz

 
 
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