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Über Jahrzehnte brauchten sich die Regional- und Lokalzeitungsverleger über ihre wirtschaftliche Situation keine Sorgen zu machen, zumal nicht in der DDR, wo von der Staatspartei SED herausgegebene Tageszeitungen wie die Schweriner Volkszeitung und der Nordkurier in ihrem Verbreitungsraum Pflichtlektüre waren. Nach der Wende jedoch verloren die Lokalzeitungen insbesondere in Mecklenburg-Vorpommern kontinuierlich an Auflage und Reichweite. Zusätzlich verschärft wird der schleichende Bedeutungsverlust der Lokalpresse vom demographischen Wandel, der Landflucht junger Mediennutzer und die Popularität digitaler Medienangebote, die Nutzungsdauern und Abonnementzahlen der klassischen Printmedien weiter sinken lassen. So wie die Auflagen unter Druck geraten, sinken auch die Reichweiten und damit die Erlöse aus dem Anzeigengeschäft.

Anders als in vielen weiteren Regionen Deutschlands haben die Regionalzeitungen in Mecklenburg-Vorpommern weniger mit alternativen Medienangeboten engagierter Bürger zu kämpfen. Diese werden in vielen Ballungsräumen der Republik in Opposition zu den etablierten Zeitungshäusern in Form von lokalen Internetseiten (Blogs) aufgebaut und machen der Tagespresse mit eigenen Nachrichtenangeboten, die meist von den Bürgern selbst zusammengetragen werden, Konkurrenz. In einem vergleichsweise dünn besiedelten Flächenland wie Mecklenburg-Vorpommern haben solche von Privatmenschen oder freien Journalisten ins Leben gerufenen Alternativmedien absolute Seltenheit, was auch mit dem noch immer unzureichenden Ausbau der Breitbandversorgung für den Zugang zum Internet zusammenhängt.

Dennoch spielt das Internet für die Zukunft der Kommunikation im ländlichen Raum eine wichtige Rolle, zum Beispiel bei der Aufrechterhaltung der Heimatverbundenheit von Wochenendpendlern oder Weggezogenen. Hier können digitale Angebote allen voran der Lokalpresse und des Rundfunks ein wichtiges Bindeglied für lokale und regionale Gemeinschaften sein. Entsprechend gilt es, für die heutzutage sehr unterschiedlichen Lebensentwürfe und zunehmend mobilen Lebenswelten der Bürger passende Informationsangebote zu entwickeln.
Darüber hinaus kann und muss der Lokaljournalismus, wenn er relevant bleiben will, seine wichtige Funktion als Gemeinschaftsstifter weiter ausbauen, zum Beispiel indem er ein Netzwerk aus Treffpunkten und Gelegenheiten des Austauschs schafft, wo Bürger mit Journalisten in Kontakt kommen und sich einbringen können. Dieses Konzept einer ,offenen Redaktion‘ hat auch Vorteile für das lokale Medium: Es kann die Bedürfnisse seines Publikums schneller erkennen und noch besser auf sie reagieren. Wenn der Bürger als ernst zu nehmender Partner verstanden wird, kann die Berichterstattung von seinem Wissen, seinen Erfahrungen und seinen Erinnerungen profitieren. Die Lokalberichterstattung wird dadurch vielfältiger, intensiver, bürgernäher.
Für Lokalzeitungen und Rundfunkangebote stellt sich daher heute umso mehr die Frage, welche Rolle sie für sich erkennen: Wenn sich Lokaljournalisten in einem geschwächten Medienmarkt wie in Mecklenburg-Vorpommern als auch Gemeindearbeiter verstehen, die ihr Publikum umarmen, statt von der metaphorischen Kanzel zu predigen, und dort – auch in persona – Kommunikation fördern, wo längst nicht mehr miteinander gesprochen wird, gewinnen sie die Menschen für ihre Angebote zurück und geben nicht nur der kritischen Öffentlichkeit im ländlichen Raum, sondern auch sich selbst eine Zukunft.

Das Projekt „Region in Aktion“ stellt deshalb die Kommunikation im ländlichen Raum in den Mittelpunkt bei der Frage, wie Bürger ihr Zusammenleben gemeinsam gestalten können. Dies ist ein wichtiger Ansatzpunkt, der sozialen Isolation in ländlichen Regionen entgegenzuwirken und eine offenere und intensivere Verständigung zwischen den Bürgern, ihren Medien und politischen Vertretern zu fördern. Gelebte Demokratie braucht Kommunikation, deshalb ist das Projekt „Region in Aktion“ unterstützenswert.

Dr. Leif Kramp
Kommunikations- und Medienwissenschaftler, Universität Bremen

 
 
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