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“Für sich und andere ein alternatives Angebot schaffen”

Johannes Staemmler ist Mitbegründer der Intiative “3. Generation Ostdeutschland”. Er wurde 1982 in Dresden geboren und machte dort einen Bachelor in Internationale Beziehungen. Danach absolvierte er den Master of Public Policy an der Hertie School of Governance in Berlin, arbeitete dort erst als Referent und ist jetzt Doktorand. In seiner Promotion fragt er, ob kommunale Strukturschwäche Barriere oder Anreiz für zivilgesellschaftliches Engagement ist. Dazu vergleicht er die Städte Schwerin, Halle (Saale) und Pirmansens.


Du bist ein typisches Wendekind. Hat dich die Ost-West-Sozialisation besonders geprägt?
Johannes Staemmler: Das war für mich als Heranwachsender nur marginal ein Thema. Es hat sich erst mit dem Studium geändert, wo ich auf Kommilitonen aus dem gesamten Bundesgebiet traf. Wir sind auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede gestoßen, ohne diese wirklich benennen zu können. Ich stellte bei mir eine Irritation fest, dass ich nie richtig wusste, was die Leute meinen, wenn sie über Ostdeutschland redeten. Meinten sie das, was medial zusammengefasst wird als eine Art negative Sinnwolke aus Prekariat, Abbau, Abwanderung, Nazis und fehlendem Integrationswillen?


Kennst du all das nicht aus deiner eigenen Erlebniswelt?
Doch, aber ich würde solche Dinge nicht unter der Überschrift “ostdeutsch” zusammenfassen, sondern als eigenständige Phänomene. Zu meinem Aufwachsen gehörten vielfältige Eindrücke; Nazis genauso wie linke Demonstrationen, der Aufbau der Frauenkirche genauso wie Paddeln im Spreewald, das Abwandern von Freunden genauso wie deren Wiederkehr. Daher sollte meiner Meinung nach die Zuschreibung “Ach, du kommst aus dem Osten” nicht das Ende eines Gespräches sein, sondern der Beginn.


Wie hat deine Familie den Mauerfall erlebt?
Ich komme aus einer Familie, die nicht besonders wendegebeutelt ist. Der Fall der Mauer brachte für unsere Familie viele positive Aufbrüche. Meine Mutter konnte erstmals studieren, wir sind viel zusammen gereist, es gab wenige enttäuschte Erwartungen. Natürlich gab es auch viele Unsicherheiten und keiner wusste, was eine sichere Sache für die Zukunft ist. In der DDR war klar, das System ist mangelhaft, aber jeder wusste, wie es lief. In der Zeit danach konnte sich vieles zum Besseren entwickeln, man wusste nur nicht genau, ob es eine stabile Entwicklung sein würde. So haben sich meine Eltern weitergebildet, sind wirtschaftliche Risiken eingegangen, und in ihrem Fall hat es funktioniert.


Gibt es überhaupt noch den typischen Wessi und den typischen Ossi?
Als junger Dresdner, als junger Deutscher denke ich, die Begriffe werden irgendwann einschlafen. Ich nehme aber die Zuschreibungen ganz bewusst an und sage, ich komme aus Ostdeutschland. Für mich bedeutet das die Möglichkeit zu zeigen, dass Ostdeutschland ganz vielfältig ist. Und mir ist die Vergangenheit keinesfalls egal. Ich möchte verstehen, was die DDR, die es nicht mehr gibt, die meine Eltern aber stark geprägt hat, für ein Land war.


Wann warst du das erste Mal in Westdeutschland? War das ein besonderes Erlebnis?

Ich kann mich nicht genau erinnern, wann ich das erste Mal “drüben” war. Ich erinnere aber ein besonderes Erlebnis, als ich etwa 11 Jahre alt war und über eine Patenschaft meiner Kirchgemeinde einen Jungen in Braunschweig besuchte. Wir hatten dasselbe Hobby, nämlich Briefmarken sammeln. Als ich wieder zu Hause war, schickte er mir irgendwann ein großes Paket mit Tausenden von Briefmarken, was mein eigenes kleinteiliges Briefmarkensammeln plötzlich in einen anderen Kontext stellte. So viele Briefe empfingen wir gar nicht, dass ich solche Mengen hätte sammeln können. Ich finde es interessant, wie man in Selbstverständlichkeiten hineinwächst, die man vielleicht erst viel später mal in Frage stellt, vielleicht auch nie.


Dieses Hinterfragen macht ja jeder Jugendliche in irgend einer Form durch - egal ob in West- oder Ostdeutschland geboren.
Richtig. Die Schwierigkeit in vielen ostdeutschen Haushalten ist nun, dass einige versuchen, eine Zeit zu hinterfragen, die für die Eltern besonders schwierig gewesen ist - die durch den Mauerfall verunsichert waren, vielleicht arbeitslos wurden, und Probleme hatten, sich aufzurappeln. Dabei handelte es sich zunächst mal um unverschuldete Probleme der Eltern. Deswegen ist es besonders hart, diese infrage zu stellen - oder überhaupt nur über diese Zeit mit den Eltern ins Gespräch zu kommen.


Wie kam es zur Gründung der “3. Generation Ostdeutschland”?

2010 jährte sich zum 20. Mal die Wiedervereinigung, und es wurde auf die gängige Art und Weise in Talkshows darüber berichtet. Adriana Lettrari, die aus Rostock kommt, empfand es als frustrierend, dass dabei in erster Linie alte Männer über die Vergangenheit reden und diese interpretieren. Sie hat eine Reihe von Freunden und Bekannten zusammengeholt mit der Frage, ob für uns als letztgeborene DDR-Kinder der Blick auf die Vergangenheit vielleicht ein anderer ist. Daraus ist schließlich unsere Initiative entstanden.


Und warum braucht die Welt diese Initiative?
Die Welt braucht sie nicht. Die neuen Bundesländer brauchen sie, um den Ostdeutschland-Begriff positiv zu konnotieren und so vielfältig zu machen, dass man ohne ihn auskommt. Und die in der DDR Geborenen brauchen sie, um miteinander ins Gespräch zu kommen: Was war vor und nach 1989, wie sind wir so geworden, wie wir sind? Vielleicht können wir dem einen oder anderen Abendbrotgespräch, was bezüglich dieser Themen von Stummheit geprägt ist, neuen Schwung verleihen.


Im Juni 2012 habt ihr eine kleine Ostdeutschland-Tournee gemacht. Warum?
Bis dahin hatten wir schon einige Veranstaltungen in kleinem und großem Rahmen in Berlin gemacht. Wir haben uns gesagt, wenn es uns um Ostdeutschland geht, dann müssen wir auch als Initiative da hin. Wir haben dazu eingeladen, wer Lust hat, soll uns ein kleines Stück der lokalen Realität in Ostdeutschland zeigen. Es haben sich Alte gemeldet, Junge, Schüler, MinisterInnen wie Manuela Schwesig. Also haben wir einen Reisebus organisiert und sind losgetourt.


Eine Station auf eurer Tour war ein Treffen mit den Zossener Skatern. Wie kam es speziell zu diesem Treffen?
Mit dem medialen Sezieren des Nationalsozialistischen Untergrunds im letzten Jahr haben wir gemerkt, dass Rechtsextremismus für uns ein ganz schwieriges Thema ist. Als Jugendliche haben wir gelernt, Rechte an ihrem aussehen schnell zu erkennen und wussten, wo man nachts nicht lang geht. Aber wie kann man das aufarbeiten, was kann man dagegen tun? Hier fanden wir spannend, was die Amadeu Antonio Stiftung für Projekte macht. Bei unserem Besuch in Zossen haben wir dann festgestellt: Es geht hier erst mal gar nicht um Rechts, es geht um eine sich wandelnde Stadt, in der viele nach Wegen in die Zukunft suchen. Im Kontext dieser Stadt, die vielleicht zurecht, vielleicht zu Unrecht das Label trägt, dass es dort viele Nazis gibt, hatten wir die Möglichkeit, uns Zossen durch die Skater komplexer erzählen zu lassen.


Was fandest du an Zossen besonders eindrücklich?
Ein Ort kann noch so klein sein, da passieren immer mehrere Sachen gleichzeitig. Was die Skater da auf ihre eigene Art machen, finde ich unglaublich kreativ. Sie kämpfen um ihr Gemeinwesen - wahrscheinlich ohne, dass sie selber das so beschreiben würden. Sie haben es nach vielen Jahren geschafft, sich einen kleinen Skate-Park zu bauen, trotz des immensen Gegenwindes vieler Zossener. Zossen hat sich uns in seiner Zerklüftetheit sehr vielfältig gezeigt. Es wirkte alles andere als hoffnungslos.


Hattest du von der Stadt vorher schonmal was gehört?

Nur im Zusammenhang mit dem Abbrennen des Hauses der Demokratie. Eine kleine Stadt im Osten, von der man nichts weiß.


Die Zossener Skater hatten einen ganz schön langen Atem bei ihrem Kampf um einen Untergrund für ihre Bretter. Konntest du dich mit ihrem Weg identifizieren, hast du vielleicht als Jugendlicher ähnliche Kämpfe geführt?
Mir kam die verständnislose Erwachsenenwelt ziemlich bekannt vor, die nicht nachvollziehen kann, was die da tun, und Skaten als Zerstörung klassifiziert. Was mir auch bekannt vorkam, waren die Probleme der Skater durch das Fehlen eines Organisationslabels, wie es etwa ein Sportverein hat, mit dem Verwaltung und Politik umgehen können. Ein aus Eigeninteresse erwachsendes Zusammensein, was irgendwann zu Engagement wird, wird so lange nicht wirklich gesehen, bis es eine organisierte Form hat. Verwaltung, Politik und lokales Gewerbe müssen anerkennen, dass es auch andere Formen des Einbringens und des Stadtgestaltens gibt, die sehr wertvoll sind.


Wie würdest du die Skater von Zossen in eure Tour einordnen?
Ein wiederkehrendes Element auf unserer Tour war das Aufeinandertreffen von engagierten Menschen. Manchmal klassisch, manchmal wild, manchmal einfach in Form ihrer Berufstätigkeit. Das hat mir gezeigt, dass es in Ostdeutschland unzählige Menschen gibt, die da engagiert sind, wo sie leben. Die kriegen sich vielleicht auch mal in die Haare, schaffen manchmal alleine, manchmal im Zusammenspiel großartige Sachen. Besonders dort, wo das Image nicht so gut ist - und da würde ich auch Zossen einordnen - finden sich Leute, die in Lücken reinstoßen oder sich diese überhaupt erst schaffen. Sie akzeptieren nicht, dass etwas so weiterläuft wie bisher. Sie reflektieren das vielleicht gar nicht selber, sondern machen einfach. Und das strahlt dann auch auf ihre Region aus, ist strukturbildend.


Glaubst du, dass eine Gruppe wie die Skater demokratische Struktur stärken kann?

Wenn man demokratische Struktur als Vielfalt und Kreativität versteht, der eigenen Meinung Ausdruck zu verleihen - nicht gleich aufzugeben, wenn etwas nicht funktioniert - dann sind die Skater ein Teil der demokratischen Kultur in Zossen. Auch wenn sie über sich selber sagen, dass die ganze Politik ihnen fremd ist. Dass sie sich nicht nachmittags zu einer Anti-Rechts-Veranstaltung einfinden, ist eben nicht ihr Selbstverständnis. Sie sind nicht losgezogen als Menschen, die jeden Tag Rechtsextremismus bekämpfen wollen. Sie tun es einfach, indem sie sich zusammentun und für sich und andere ein alternatives Angebot schaffen.


Das Interview führte Raffaele Nostitz

 
 
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