Interview

© René Fietzek

Timo, Christian, Carsten

 

Skaten ist eine Lebenseinstellung


Christian Pietrzok, 23, ist Grafikdesigner in Berlin und skatet seit 11 Jahren. Maik Sander, 25, arbeitet in Zossen als Mechatroniker und skatet seit 10 Jahren. Die beiden sind in Zossen aufgewachsen und haben zusammen mit ihrer Clique erreicht, dass dort - nach vielen Jahren - ein Skatepark gebaut wurde.


Gerade plant ihr die Eröffnungsparty für die Zossener Skatebahn. Ein erhebendes Gefühl?
Maik: Für uns ändert sich eigentlich nichts. Es war für uns selbstverständlich, dass wir dafür sorgen, dass der Skatepark gebaut wird. Natürlich haben wir nicht geahnt, dass das 10 Jahre dauern würde, und zwischendurch hatten wir auch einige Durchhänger. Aber wir haben dann doch immer wieder weiter gemacht und uns gesagt, wir machen das einfach für die Jugend in Zossen.
Christian: Wenn man jahrelang auf eine Sache hinarbeitet, hat man irgendwann keine Lust mehr und denkt sich, das wird ja sowieso nichts. Aber dann kam doch wieder jemand und sagte, das klappt, macht weiter.
Von welcher Seite kamen diese Anstöße?
Maik: Ich denke ich war da schon immer der Treibende. Ich bin dann auf die Zossener Streetworkerin oder die Bürgermeisterin zugegangen und habe die mit meinen Fragen bedrängt, wie es weiter geht.
Wurdet ihr von Anfang an von der Streetworkerin begleitet?
Christian: Ja, gerade am Anfang mit 13, 14 war sie eine wichtige Ansprechpartnerin und hat uns bei der Suche nach Möglichkeiten zum Skaten unterstützt.
Maik: Sie arbeitet im Jugendclub Leo in Nächst Neuendorf neben Zossen und ist auf uns zugekommen. Genauso wie auf andere Jugendliche, die Fußball oder Basketball spielen wollten und dann auch irgendwann ihre Plätze bekommen haben. Unser Projekt wurde ein bisschen größer. (lacht)
Und ihr habt ganz schön lange durchgehalten. Wolltet ihr in Zossen etwas verändern?
Christian: Am Anfang ging es uns einfach um eine Möglichkeit zu skaten. Mittlerweile wohnen wir zum Teil nicht mehr dort und sind nicht mehr die Hauptzielgruppe für diesen Skatepark. Aber wir wollten trotzdem, dass das Projekt realisiert wird. Denn durch das Skaten haben wir so viele coole Sachen erlebt und andere Jugendliche sollen eine bessere Grundlage haben als wir hatten, dass für sie vielleicht mehr als ein Hobby daraus wird. So wie für uns. Mittlerweile ist ein Skatepark für uns auch nicht mehr das Größte. Das Schönste ist, draußen auf der Straße zu skaten. Aber ein Park ist eine wichtige Grundlage, um anzufangen und Tricks zu probieren. Und damit die Leute dauerhaft was haben, wo sie fahren können, und nicht wieder aufhören.
Maik: Viele haben mit uns angefangen, aber irgendwann aufgegeben. Nur wir sind eisern dabei geblieben, haben Stress mit der Polizei ausgehalten und ständig weiter nach Möglichkeiten gesucht, zu skaten.
Christian: Wir haben uns oft gefühlt wie Einzelkämpfer, die nirgendwo erwünscht sind.
Was bedeutet das Skaten für euch?
Maik: Wir brechen uns regelmäßig die Knochen, dehnen und zerren uns was, und vom Chef bis zu den Eltern sagen alle, man soll aufhören. Aber es gehört zum Leben, es ist eine Lebenseinstellung.
Könnt ihr damit was anfangen, wenn ihr als Subkultur bezeichnet werdet?
Christian: Ich finde den Begriff sogar recht passend für die Skaterszene. Mittlerweile geht es vielleicht von einer Subkultur weg und wird Mainstream, weil die Szene immer größer wird. Aber auf jeden Fall ist es eine Szene, wo nur die integrierten Leute bestimmte Regeln kennen. Eine eigene Welt, eine Unterkultur innerhalb der eigentlichen Kultur, von der Kleidung, vom Verhalten her, alles solche Sachen.
Maik: Für mich ist Höflichkeit ein wichtiges Merkmal der Skater. Jeder kümmert sich um jeden. Wenn einer sich verletzt, hilft man ihm sofort.
Christian: Es ist kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander.
Habt ihr mit eurem Skatepark jetzt selber dazu beigetragen, dass Skaten Mainstream wird?
Da tragen eher andere Sachen dazu bei. In den USA gibt es zum Beispiel große Contests in Stadien mit Fernsehübertragung und Preisgeldern in 100’000 Dollar-Höhe. Shows auf MTV über Skater gab es auch schon. Ich glaube, unsere Skatebahn trägt eher dazu bei, die Subkultur in Zossen zu stärken und zu verankern.
Skatet ihr noch viel in Zossen?
Christian: Ich bin noch regelmäßig in Zossen und fahre auch extra zum Skaten raus.
Maik: Ich arbeite direkt neben dem Skatepark. Im Idealfall schnappe ich mir nach der Arbeit mein Brett. Neben dem Skatepark benutzen wir auch unsere anderen Spots, zum Beispiel am alten Bahnhof. Und im Moment nutzen wir eine Baustelle, um dort über einen Graben zu springen.
Ihr seid in einer ostdeutschen Stadt großgeworden. Hat euch das besonders geprägt?
Christian: Nicht wirklich, zumindest ist das schwer zu sagen, man hat ja keinen Vergleich.
Maik: Nee.
Wie stehen denn eure Eltern zur DDR?
Christian: Sie waren eher froh über den Mauerfall. Man kriegt es ja bei manchen Leuten mit, dass sie glauben, in der DDR war es besser. Aber so sind meine Eltern gar nicht.
Maik: Dem kann ich mich anschließen.
Findet ihr, es gibt noch den typischen Ossi?
Christian: Ich denke schon. Bestimmte Merkmale kann man auch noch bei Leuten in unserem Alter feststellen, die ja von Eltern erzogen wurden, die hauptsächlich in der DDR gelebt haben. Ich habe zum Beispiel das Gefühl, dass in unserer Generation Eigeninitiative stärker bei Ostdeutschen ausgeprägt ist. Mit Leuten, die in Westdeutschland aufgewachsen sind, spreche ich auch mal über solche Sachen, aber meist ist das überhaupt nicht wertend, oder es sind nur Späße, die auf Klischees abzielen. Ich denke, in den nachfolgenden Generationen werden die Unterschiede immer mehr verschwinden.
Maik: Ich habe mir über so was noch nicht allzu viele Gedanken gemacht. Ich persönlich habe die DDR-Zeit ja nicht erlebt. Es geht irgendwie weiter. Ich glaube, die Generation danach wird da gar nicht mehr drüber sprechen.
Seid ihr in eurer Jugend mit Neonazis in Berührung gekommen?
Maik: Für mich waren die nicht wirklich präsent.
Christian: Ich kann auch nicht sagen, dass ich durch Zossen gefahren bin und dabei viele Rechte gesehen oder irgendwelche rechtsradikalen Aktionen mitbekommen habe. Kann sein, dass wir uns einfach nicht da aufgehalten haben, wo die sich getroffen haben.
Maik: Auf Dorffesten hat man mal ein paar Nazis gesehen.
Christian: Dorffeste sind ja eh Sammelpunkte für alle Gruppen, da stehen dann in der einen Ecke die einen und in der anderen Ecke die anderen.
Glaubt ihr, dass ihr als Skater dazu beitragt, eine Subkultur wie die Neonazis zu schwächen?
Christian: Ich glaube, die Leute, die anfangen zu skaten, sind nicht die Leute, die potenziell in die rechte Szene gehen. Vielleicht fangen durch den Skatepark aber Leute an zu skaten, die sonst nur vor dem Supermarkt rumhängen und Bier und Drogen konsumieren würden. Es ist also eine gute Alternative - auch zu so schlechten Subkulturen wie eben Neonazis.
Maik: Ich kann mir schon vorstellen, dass unter den Leuten, die durch die Bahn anfangen zu skaten, auch welche sind, die ohne Skateboard irgendwann in der rechten Szene landen würden.
Im Juni 2012 hat euch die Initiative “3. Generation Ostdeutschland” besucht. Wie war das für euch?
Maik: Es war sehr kurzfristig. Die Amadeu Antonio Stiftung hat uns gefragt, ob wir eine Stadtführung machen und Filmmaterial zeigen wollen, das beim Skaten entstanden ist. Wir haben einfach ja gesagt. Dann waren auf einmal ganz schön viele Leute da.
Christian: Wir wussten nicht so richtig, um was es ging, aber wir haben gesagt, wir sind dabei. (lacht)
Während der Stadtführung sind wir am alten Bahnhof auf Jugendliche gestoßen, die Alkohol getrunken und Musik gehört haben. Das war euch ein bisschen peinlich, oder?
Christian: Ich dachte, das ist ja jetzt wieder typisch, an einem verregneten Sonntag sitzen welche am alten Güterbahnhof und trinken. Das ist das perfekte Beispiel, wie ich Jugendliche nicht sehen möchte.
Maik: Der Platz unter dem alten Vordach wird glaube ich schon seit Generationen genutzt, da fanden schon so viele Partys und dergleichen statt. Und wenn es regnet, verzehren da irgendwelche Jugendlichen ihren Alkohol.
Saßt ihr denn da auch schon biertrinkender Weise?
Christian: Wenn wir an unserem Spot gebaut haben. Als wir die Rampe gegossen haben, haben wir neun Stunden Betonsäcke geschleppt, und danach natürlich Bier getrunken. Von der Rampe werden jetzt ein paar Generationen was haben.
Wie fandet ihr im Nachhinein den Tag und eure Führung durch Zossen?
Maik: Ich fand es spannend, nochmal aufzuarbeiten, was wir wirklich geschafft haben. Die lange Suche nach einem Skateplatz, die Anfänge auf dem Lidl-Parkplatz, das Spenden sammeln. Ich habe nie zu mir selber gesagt: du bist jetzt sozial aktiv und bringst hier etwas voran. Das ist mehr so schleichend über die 10 Jahre passiert.
Christian: Ich fand toll, welche Begeisterung von den Leuten der Amadeu Antonio Stiftung und der “3. Generation Ostdeutschland” zurückkam. Viele Sachen sind eigentlich selbstverständlich in der Skaterszene, wie Spots selbst zu bauen und Videos und Fotos zu machen. Wenn dann Außenstehende so begeistert sind und nicht nur das Negative sehen, das finde ich schon gut. Und wenn man mal zu hören kriegt, dass man nicht nur ein fauler Haufen ist.
Wer sagt das zu euch?
Christian: Wir fühlen uns manchmal selber so. Man denkt immer, da geht noch mehr, zum Beispiel was das Filmen und Fotos machen angeht. Durch die Begeisterung von Außenstehenden merkt man dann, es ist ja eigentlich doch gar nicht so wenig, was wir machen. Da würde ich auch wieder die Brücke zu der von uns beschriebenen Lebenseinstellung schlagen. Skaten ist eben mehr als ein Hobby.

Das Interview führte Raffaele Nostitz

 
 
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