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Rechtsextremismus im ländlichen Raum

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Aufgepasst: Demokratie in Gefahr

Stadt, Land, Volk? Rechtsextremismus im ländlichen Raum

Menschengruppe präsentiert Plakat "Kein Ort für Neonazis"

© Amadeu Antonio Stiftung

 

Besonders im ländlichen Raum lassen sich Faktoren erkennen, die dafür sorgen, dass rechte Propaganda stärker verfängt und rechtsextreme Mobilisierungs- und Organisationsformen erfolgreicher sind als in urbanen Ballungsgebieten. Teile der rechtsextremen Szene nutzen den ländlichen Raum daher gezielt als Experimentierfeld ihrer politischen Strategie.

Generalisierende Aussagen über "den ländlichen Raum" sind schwierig geworden, weil sich dieser in der Moderne stark verändert hat. Durch die Globalisierung, die Industrialisierung und die schnellere Verbreitung technischen Fortschritts ist es längst nicht mehr einfach, klar zwischen "Stadt" und "Land" zu unterscheiden. Gerade das Wachstum städtischer Ballungsgebiete oder die zahlreichen Pendler_innen lassen diese vorgestellte starre Grenze immer weiter verschwimmen. Im Ballungsgebiet der urbanen Zentren profitieren Kleinstädte von der Wirtschaftskraft der Großstädte und verzeichnen eine dynamische Entwicklung, die sich unter anderem in einer Pluralisierung der Lebensweisen und einer erhöhten Mobilität zeigt, welche die "Geschlossenheit" kleinerer Gemeinden aufbricht. Neben diesen Kleinstädten existieren intakte Gemeinden, die von der Landwirtschaft geprägt sind, aber auch "sterbende" Dörfer.

Diese "prekären ländlichen Räume" liegen abseits der Metropolen und sind besonders von Wirtschaftskrisen betroffen und durch eine geringe Bevölkerungsdichte, Abwanderung, Überalterung, eine vom Sparzwang beschnittene Infrastruktur und erhöhte Arbeitslosigkeit geprägt. Die Unterschiede zeigen sich in den sogenannten strukturschwachen Regionen beispielsweise darin, dass kein Breitband-Internet zugänglich ist, der öffentliche Personennahverkehr nicht flächendeckend verfügbar ist, die Post seltener kommt oder die lokalen Schulen, Bäckereien, Arztpraxen und Krankhäuser schließen.

Nachbar Nazi – soziale Nähe im ländlichen Raum

Die erhöhte Entfernung zur nächsten Stadt geht mit einer hohen sozialen Nähe innerhalb der Dörfer einher. Hier kennt meist jede jeden. Diese hohe soziale Nähe kann dazu führen, dass Konflikte, wie beispielsweise rechtsextreme Gruppierungen im Dorf, nicht thematisiert werden, um den sozialen Frieden im Inneren nicht zu gefährden und nach außen nicht als "Nazi-Dorf" stigmatisiert zu werden. Ein Totschweigen oder Verharmlosen von rechtsextremen Einstellungen führt jedoch zu deren Normalisierung und zur Stärkung rechtsextremer Strukturen vor Ort. Hier ist sowohl die kommunale Politik als auch die Zivilgesellschaft gefragt, deutlich Position zu beziehen.

Aufgrund der sozialen Kontrolle, gepaart mit einer eher traditionell-konservativen Werteeinstellung, können sich Menschen, die einen alternativen Lebensstil ausleben möchten oder beispielsweise nicht-weiß oder homosexuell sind, in ihrer freien Entfaltung eingeschränkt fühlen. Diese vermeintlich "Anderen" fallen mehr auf und haben weniger eigene Räume, in die sie ausweichen könnten. Um der sozialen Kontrolle der Dorfgemeinschaft zu entgehen, versuchen viele sich an der vermeintlichen Norm zu orientieren und konformistisch zu leben. Andere, die dies ablehnen, verlassen jedoch auch die Region. Daher bleiben die ländlichen Räume durch den hohen Konformitätsdruck eher homogen und es gibt weniger Einfluss durch Neues. Dort, wo es wenig Kontakt zu Menschen gibt, die "anders" leben oder aussehen, sind die lokale Orientierung und die Abgrenzung zu Neuem am stärksten. Dies zeigt sich beispielsweise an den hohen Zahlen der Zustimmung zu flüchtlingsfeindlichen Äußerungen in Gebieten, in denen die Zahl der Nicht-Deutschen sehr gering ist, beispielsweise im Osten Deutschlands.

Was begünstigt Rechtsextremismus im ländlichen Raum?

Mit Blick auf den Rechtsextremismus ist neben einem Ost-West-Gefälle, das sich in höheren Zustimmungswerten zu rechtsextremen Einstellungen und einer höheren Zahl von rechtsextremen Gewaltdelikten in den östlichen Bundesländern bemerkbar macht, ist auch ein Stadt-Land-Gefälle feststellbar. Laut der Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung von 2016 stimmten Menschen auf dem Land rechten Thesen in höherem Maße zu als die Stadtbevölkerung. Die Befragten haben Rassismus, Abwertung von Muslimen und Geflüchteten und Autoritarismus desto mehr zugestimmt, je kleiner die Gemeinde war, in der sie lebten. Dieses wird auch im Wahlverhalten offensichtlich: Bei den Bundestagswahlen seit 1990 wurden rechte Parteien in Landgemeinden mit weniger als 5.000 Einwohner_innen häufiger gewählt als in Großstädten. Der Unterschied betrug 2005 einen mehr als doppelt so hohen Stimmenanteil. Durch die in Teilen rechtsextreme AfD scheint der Abstand zwischen Stadt und Land jedoch zu schwinden, die Zustimmungswerte lagen 2013 und 2017 annähernd gleichauf.

Der ländliche Raum bietet einen speziellen Resonanzboden, in dem rechte Gesinnungen akzeptiert werden. Besonders in prekären, strukturschwachen Regionen finden Rechtsextreme Faktoren, die ihre Agitation begünstigen. Da Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten in der Breite nicht zufriedenstellend sind, wandern junge, gutausgebildete Menschen in die städtischen Gebiete ab. Frauen sind zudem im stärkeren Maß mobil als Männer, weshalb die Bevölkerung in den prekären Räumen mehrheitlich männlich ist. Durch den Geburtenrückgang fehlen junge Leute und die Gesellschaft wird durchschnittlich älter.

Die "Zurückgebliebenen" fühlen sich durch die räumliche Distanz zu den "Machtzentren" und politischen Entscheidungsträger_innen oft vergessen und vernachlässigt. So kann sich eine Verdrossenheit oder eine ablehnende Haltung gegenüber der Politik entwickeln, die sich durch den Rückzug politischer Parteien im ländlichen Raum noch verstärkt. Durch die Gleichzeitigkeit von dynamischen Entwicklungen auf globaler Ebene und Stagnation in den prekären ländlichen Räumen entsteht ein Missverhältnis, das eine Unzufriedenheit schafft. Diese Angst vor Veränderung und vor sozialem Abstieg erhöht die Bereitschaft andere Gruppen abzuwerten und kann leicht politisch instrumentalisiert werden.

Rechtsextreme Agitation im ländlichen Raum

"Die Städte vom Land aus erobern" – so brachte Rechtsextremismusexpertin Andrea Röpke die Taktik der rechten Szene auf den Punkt. Konzepte von rechts, die junge Menschen auffordern, sich gezielt in den ländlichen Regionen niederzulassen und dort zu agitieren, sind spätestens seit den 1990er Jahren in der Szene weit verbreitet. Der ländliche Raum soll unter strategischem Kalkül als Rückzugsort und „Experimentierkasten“ für neue Aktionsformen genutzt werden.

In der rechtsextremen Ideologie spielt der ländliche Raum eine große Rolle: Völkische Rechtsextreme zeichnen "das Land" als Sehnsuchtsort und projizieren ihre Träume einer besseren Welt auf ihn. So wird der ländliche Raum als Bastion gegen "die Moderne", "den Kapitalismus" und "die Globalisierung" gedeutet. Das "einfache Leben" als "Bauer" und die vermeintliche Nähe zur Natur werden romantisiert und ideologisch aufgeladen. Diese Verbundenheit des "Volkes" mit seinem "Boden" ist für völkische Rechtsextreme zentral.

Rechtsextreme, die von außen versuchen, im Dorf Einfluss zu gewinnen, haben es aufgrund ihrer gesteigerten Sichtbarkeit oft schwerer als alteingesessene, völlig integrierte und akzeptierte Rechtsextreme. Daher wir oft die Strategie gewählt, nicht radikal und gewaltbereit aufzutreten, sondern als harmlose "Kümmerer" zu wirken, denen soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz am Herzen liege. Rechtsextreme können zudem an die anti-modernen Werteeinstellungen anknüpfen, die in den prekären ländlichen Räumen weiterhin stark sind: Konventionalismus, Autoritarismus sowie Skepsis oder Ablehnung gegenüber Allem, das als fremd wahrgenommen wird. Hier finden sie einen großen Resonanzraum für rechte Parolen. Durch eine Akzeptanz und Normalisierung rechtsextremer Einstellungen fühlen sich diese in ihrer Haltung bestärkt und können sich als die Vollstrecker des "Willen des Volkes" inszenieren.

Für weitere Informationen:

Bund der Deutschen Landjugend e.V. (Hg.): Schweigen heißt Zustimmung. Rechtsextremismus in den ländlichen Räumen, Berlin 2017. http://bdl.landjugend.info/fileadmin/user_upload/downloads/publikationen/2017_Buch_Rechtsextremismus_webversion.pdf (PDF-Dokument)

Enrico Glaser, Referent der Fachstelle Gender und Rechtsextremismus der Amadeu Antonio Stiftung: Bewegt was! Rechtsextremismus im ländlichen Raum, Vortrag 05.11.2016 Werbellinsee. http://www.bpb.de/veranstaltungen/dokumentation/238340/rechtsextremismus-im-laendlichen-raum

Ländlicher Raum. Agrarsoziale Gesellschaft e.V.: Rechtspopulismus im ländlichen Raum. Verstehen – Sensibilisieren – Handeln, H20781 | 68. Jahrgang | 02/2017. http://www.asg-goe.de/pdf/LR0217.pdf (PDF-Dokument)

 

 

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