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Langstrecke für die Demokratie

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Reportage

Langstrecke für die Demokratie

Workshoptisch mit Getränken und Stiften

© BBE/ Torsten Stapel

 

In Mecklenburg ist Oliver Hohn für Vereine und Initiativen ein wichtiger Ratgeber, sorgt aber auch mal für den nötigen Tritt in den Hintern. Ein Porträt.

Von Anke Lübbert

 

Einmal, es ist noch nicht allzu lange her, da ist Oliver Hohn ein bisschen übers Ziel hinaus geschossen. Nicht seiner Einschätzung nach, schon aber, was die Schule angeht, mit der er zusammenarbeitet. Mit deren Schülerinnen und Schülern plante er einen Workshop „So funktioniert Demokratie“. Die Jugendlichen waren begeistert: „Können wir dann am Ende auch eine Demo machen?“ Oliver Hohn fand das eine gute Idee, die Schule nicht. Wenn man verstehen will, wie er, 53 Jahre alt, Leiter der Koordinierungs- und Fachstelle der Partnerschaft für Demokratie in Krakow am See tickt, dann muss man ihm nur die paar Minuten zuhören, die es dauert, diese Geschichte zu erzählen. Oliver Hohn ärgert sich nicht über die Schule, hängt nicht an der Idee fest, versucht es einfach gleich mit dem nächsten Projekt. Wie ein Langstreckenläufer, der einen kleinen Umweg läuft, sobald sich ihm ein Hindernis in den Weg stellt.

Seit drei Jahren macht er diese Arbeit nun, berät im Auftrag des CJD, des Christlichen Jugenddorfwerks und des Amts Krakow Vereine und Initiativen, hilft ihnen dabei Anträge zu stellen und Gelder abzurechnen, unterstützt sie bei der Entwicklung eigener Ideen und manchmal auch mit dem nötigen Tritt in den Hintern. Wer auch immer mit ihm zusammengearbeitet hat weiß, im Zweifel ist auf ihn Verlass.

 „Wenn der sich an etwas festgebissen hat, dann steht der auch dafür ein“, sagt Sabrina Nehls, mit der er eng im Krakower Amt zusammenarbeitet, „mit seiner ganzen Person“. Das sei von Anfang an so gewesen, vom ersten Tag an.

 

Vor Auseinandersetzungen habe ich keine Angst

Brille, kurze weiße Haare, gestreifter Baumwollpullover, auf den ersten Blick könnte Oliver Hohn  auch der Direktor einer Realschule sein. Er war allerdings in seinem ersten Leben etwas ganz anderes, nämlich Geschäftsführer seines eigenen Unternehmens, einer IT-Beratungsfirma. 2013 musste er aus gesundheitlichen Gründen die Firma abwickeln.

2015 hörte er dann von dem Job in der Koordinierungs- und Fachstelle der Partnerschaft für Demokratie. Von diesen, vom Bundesfamilienministerium finanzierten Partnerschaften gibt es in ganz Deutschland insgesamt 264. Alle Koordinator*innen sollen Gelder aus zwei Fonds, dem Aktions- und Initiativenfonds und dem Jugendfonds verwalten und dabei lokale Akteur*innen und Strukturen stärker machen.

Oliver Hohn hörte also von dieser freien Stelle, für die es keine Bewerber*innen gäbe. „Es hieß, dass keiner den Job machen wolle, weil alle Angst vor aufgeschlitzten Reifen hätten“, sagt Oliver Hohn. In Krakow und Umgebung liegt der Ausländeranteil bei nur 3,5 Prozent, gleichzeitig gilt es als eines der Hauptsiedlungsgebiete für Rechtsextreme, Nazis, völkische Siedler*innen. Hier gibt es Eltern, die zum Geburtstag ihrer Kinder eine Hakenkreuztorte mit in den Kindergarten bringen. Oliver Hohn ist, schon immer eigentlich, politisch engagiert. Er organisiert in Waren an der Müritz ein jährliches Demokratiefest, ist in der SPD und der AWO aktiv. Irgendwas an dieser Stelle reizte ihn. Er sagte: „Vor Auseinandersetzunge habe ich keine Angst. Ich schicke Ihnen eine Bewerbung rüber.“

Zu Oliver Hohns Arbeit gehört nicht nur, Vereine und Initiativen bei Anträgen und Projektideen zu unterstützen, er entwickelt auch eigene. Dabei geht es ihm nur mittelbar darum, Rechtsextremismus zu bekämpfen. „Die durchideologisierten Kinder, die vielleicht schon in der Grundschule ein geschlossenes Weltbild haben, die kriegt man mit Veranstaltungen gegen Rechtsextremismus nicht erreicht. Wir machen deshalb Angebote, die erstmal unpolitisch scheinen, den Kindern aber eine Tür, ein Fenster zu anderen Möglichkeiten, die Welt zu sehen, öffnen“, sagt er.

 

Eine Tür, ein Fenster öffnen, zu anderen Möglichkeiten die Welt zu sehen

Wer in Krakow lebt (3.400 Einwohner*innen, Landkreis Rostock), dem bieten sich nur wenige Perspektiven. Die Landschaft ist mit ihren sanften Hügeln und Seen wunderschön. Aber der Ortskern wirkt auch an einem Vormittag mitten in der Woche wie anderswo am Wochenende, ein Kaufmann hat Mittagspause, viele Läden sind geschlossen. Es gibt es kein Gymnasium - wer hier zur Schule geht, fühlt sich gleich doppelt abgehängt: Nicht gut genug, das Abitur zu machen. Und  dann auch noch Bewohner*in eines Landstrichs ohne Hoffnung und Zukunft. „Am Anfang des Lebens schon zu glauben, keine Perspektive zu haben, das ist doch furchtbar“, findet Oliver Hohn. Er unterstützt ein Kleingartenprojekt, „weil da auch die Eltern mal in Kontakt miteinander kommen“ und Theaterarbeit, „weil die Jugendlichen auf der Bühne so stolz sind“. Aber auch Ausbildungsbörsen und Kniggekurse für diejenigen, die nach einer Ausbildungsstelle suchen.

Das Gefühl, in der Gesellschaft einen Platz und eine Zukunft zu haben und diese Gesellschaft gegen Extremismus zu schützen - für Oliver Hohn bedingt das eine das andere.

Den vielen kleinen Vereinen in Krakow zu helfen, ihre Anträge beim Aktions- und Initiativenfonds der Partnerschaft für Demokratie zu stellen, ist Kern seiner Arbeit. Über jeden Antrag wird in einem Ausschuss beraten und entschieden, 60.000 Euro kann dieser im Jahr vergeben. Manche Projekte brauchen nur 500, andere 5.000 Euro. Wenn das Projekt ins Programm passt, gibt es eine Zusage. Und dann wird's schwieriger: Egal um wie viel Geld es geht, immer muss am Ende die Abrechnung stimmen.

Oliver Hohn begleitet die Antragstellenden deshalb eng in dem Prozess, „vor allem um Frust klein zu halten. Wenn Ehrenamtliche im Fußballverein neben dem Training auch noch einen ganzen Abend mit der Abrechnung verbringen und dann noch umfangreiche Nachfragen von der Prüfungsstelle kommen, so dass ein weiterer Abend draufgeht, dann machen die das nie wieder“, sagt er.

 

Ich will den Leuten zeigen, dass sie sich beteiligen können

Wenn er seinen Antragsteller*innen erklärt, dass jede Ausgabe einen Beleg braucht, jeder Beleg kopiert werden muss, wird er zum sehr geduldigen Personaltrainer, der die Belege zwar nicht selber aufklebt, aber doch jederzeit so wirkt, als hätte er persönlich die Abrechnung im Griff.

Oliver Hohn brennt für seine Arbeit. Warum ist das so? „Mir liegt das am Herzen“, sagt er, „hier in Krakow liegt noch so viel brach, da kann viel entstehen, das motiviert mich.“ Die Erfahrung, selbst etwas bewegen zu können, hat er schon als Schüler gemacht: Mit Streiks, Schulbesetzung und Demonstrationen erkämpften er und seine Mitschüler*innen die Sanierung ihrer mit Formaldehyd belasteten Schule. Die Umwelt- und Friedensbewegung erlebte er als junger Erwachsener hautnah mit. 

Sein bisher größtes Ding hat er in diesem Jahr umgesetzt: Ein Teilhabeprojekt, für das er die Krakower Bürger*innen eingeladen hat, über die Zukunft ihres Ortes nachzudenken, Lösungen für die drängendsten Probleme zu suchen. Er habe sich immer schon über die niedrige Wahlbeteiligung bei Kommunalwahlen geärgert, sagt er. „Unser Teilhabeprojekt, das ist für mich eine Art „Crashkurs für Demokratie“.“ Was er selbst als Jugendlicher erlebt hat - das Gefühl eine Stimme, ein Gewicht zu haben, will Oliver Hohn den Krakower*innen ermöglichen. Aber auch, dass eben nicht alles gehe. „Weil es auch geltendes Recht gibt, weil eigene Interessen immer mit den Interessen anderer kollidieren.“

Was sich die Menschen in Krakow wünschen: Am dringendsten eine funktionierende Gastwirtschaft, ein gutes Restaurant. Für die Tourist*innen, aber auch für all die Taufen, Jugendweihen und Hochzeitsfeiern im Ort. Ob was draus wird? Oliver Hohn sagt, das werde sich zeigen. Aber auch wenn nicht, glaubt er, hätten alle  auf dem Weg etwas gelernt.

Geboren ist Oliver Hohn in Köln, gelebt hat er schon in vielen Ecken von Deutschland. Seit 1997 lebt er in Waren, 40 Kilometer von Krakow entfernt. Ost oder West ist für ihn nicht von Bedeutung. „Menschen sind überall gleich“, sagt er, „was das betrifft, habe ich eine „Sehstörung“. Wie jemand aussieht, wo er herkommt, für mich macht das keinen Unterschied.“ 

Es gibt nicht viele so glühende Verfechter*innen der Demokratie wie Oliver Hohn. Wenn er hier noch ein paar Menschen mit seiner Leidenschaft ansteckt, muss man sich um Krakow keine Sorgen machen.

 
Steckbrief Demokratie Leben
Logo Demokratie leben
 

Zahlreiche Initiativen, Vereine und engagierte Bürgerinnen und Bürgern in ganz Deutschland setzen sich tagtäglich für ein vielfältiges, gewaltfreies und demokratisches Miteinander ein. Bei dieser wichtigen Arbeit unterstützt sie das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Das Programm setzt auf verschiedenen Ebenen an.

Eine davon wendet sich gezielt an Städte, Gemeinden und Landkreise, die von „Demokratie leben!“ dabei unterstützt werden, Strategien zur Förderung von Demokratie und Vielfalt vor Ort zu entwickeln und umzusetzen. In den hierfür gebildeten lokalen „Partnerschaften für Demokratie“ kommen Verantwortliche aus kommunaler Politik und Verwaltung sowie Aktive aus der Zivilgesellschaft zusammen. Gemeinsam entwickeln sie konkrete Handlungskonzepte.

 
Erste Hilfe

Aktions- und Teilhabefonds

Eine Hand mit einem Füller erstellt in einem Heft eine Checkliste
 

Wer ein Projekt plant, das beispielsweise Mitbestimmung und Partizipation vor Ort ermöglicht, kann beim lokalen Aktions- und Initiativenfonds des Bundesprogramms Demokratie leben! einen Antrag stellen. Eine Übersicht über Koordinierungs- und Fachstellen findet sich unter https://www.demokratie-leben.de/partnerschaften-fuer-demokratie.html. Im Falle einer Bewilligung sollte die Abrechnung von Beginn an mitgedacht werden. Hier die Tipps von Oliver Hohn:

  1. Sofort mit der Abrechnung anfangen. Nichts ist schlimmer, als am Ende einen Schuhkarton mit durcheinander geworfenen Quittungen zu haben und nicht mehr zu wissen, was es mit jeder einzelnen auf sich hat.
  2. Lieber regelmäßig fünf Minuten in die Abrechnung stecken, als am Ende eine halben Tag.
  3. Jede Ausgabe braucht eine Quittung.
  4. Quittungen kopieren,
  5. jeder eine Nummer geben,
  6. diese in eine Belegliste eintragen.
  7. Wenn Referent*innen engagiert werden und eine Aufwandsentschädigung bekommen, braucht man Verträge.
  8. Zu jeder Ausgabe, die über das Konto abgerechnet wird, muss der Kontoauszug dazu geheftet werden.
  9. Die lokale Koordinierungs- und Fachstelle der Partnerschaft für Demokratie kann nicht nur bei der Antragstellung, sondern auch bei der Abrechnung unterstützen.
 
Förderbroschüre

Gutes Gedeihen lassen. Mit Fördermitteln demokratische Kultur und Engagement in ländlichen Räumen stärken

Das Cover der Broschüre "Gutes Gedeihen lassen" vom BBE zeigt die Crew der Traumschüff geG bei ihrem Tourauftakt vor ihrem Theaterschiff
 

Dieser Beitrag erschien in der BBE-Publikation "Gutes Gedeihen lassen. Mit Fördermitteln demokratische Kultur und Engagement in ländlichen Räumen stärken". Sie stellt anhand anschaulicher Praxisbeispiele verschiedene Fördermöglichkeiten im Themendreieck »Demokratiestärkung«, »Engagement« und »Ländliche Entwicklung« vor.

Gedruckte Exemplare senden wir gern zu, solange der Vorrat reicht: susanne.hartl@b-b-e.de

 

 

Partner

Logos des Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) und der Amadeu Antonio Stiftung (AAS)
 
 
Veranstaltungen
 

Aktionstage zur ländlichen Entwicklung

14. bis 28. März 2019

 

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