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Zusammenwachsen in Waldkappel

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Reportage

Zusammenwachsen in Waldkappel

Eine Gruppe Menschen spielt bei den Europaspielen in Waldkappel ein Ballspiel auf einer großen Plastikplane

© Kathrin Degenhardt/Thomas Mengel

 

Seit fast 50 Jahren pflegt Waldkappel seine Städtepartnerschaften. Im jährlichen Wechsel trifft man sich im bretonischen Carhaix, im südholländischen Hazerswourde oder eben in der hessischen Heimat. Im Fokus steht immer ein europäisches Thema und deshalb ist das Programm „Europa für Bürgerinnen und Bürger“ wie dafür gemacht.

Von Katharina Müller-Güldemeister

 

In der Luft vermischen sich die Gerüche von Zwiebeln, Zimt und Koriander. Und aus dem fröhlichen Gemurmel sind neben Deutsch auch französische und arabische Wörter herauszuhören. Teils geschäftig, teils ins Gespräch vertieft bereiten Menschen aus vier Ländern Spezialitäten ihrer Heimat vor: darunter Crêpes, Hähnchenspieße oder die für die Gegend typische „Ahle Worscht“. Es ist Himmelfahrt 2017 und die nordhessische Kleinstadt Waldkappel ist dieser Tage Gastgeberin für das jährliche Treffen mit ihren französischen und niederländischen Partnerkommunen.

Seit fast 50 Jahren pflegt Waldkappel die Freundschaft mit Carhaix und Hazerswourde nun schon. Jedes Jahr lädt eine der drei Kommunen die anderen zu sich ein und wählt ein Thema mit Europa-Bezug. Bei einem Fabrikbesuch ging man zum Beispiel der Frage nach, ob der Wettbewerb um Arbeitsplätze in Europa zu neuen nationalen Egoismen führt, und bei einer Exkursion durch Weimar wurde diskutiert, ob Goethe ein europäischer Bürger war.

Um Begegnungen dieser Art zu planen und Fördermittel einzuwerben, wurde 1968 der Verein „Vereinigung zur Förderung der europäischen Zusammenarbeit“ gegründet. Schon oft hat der Verein für die Treffen mit den zwei Nachbarländern Mittel des EU-Programms „Europa für Bürgerinnen und Bürger“ beantragt. „Früher musste man eigentlich nur hinschreiben, dass man sich trifft und schon wurde das gefördert“, erzählt Walter Pfetzing. Er ist 78 Jahre alt, Ingenieur im Ruhestand und die treibende Kraft im Verein. „Heute müssen die Treffen immer ein Thema haben.“

Seit die geforderten Anträge umfangreicher geworden sind, klappt es mit der Förderung auch nicht immer. Für eine Bewilligung braucht es mindestens 71 von 100 Punkten. In der Bewertung hatte der Waldkappler Verein zuletzt besonders bei der Öffentlichkeitsarbeit schlecht abgeschnitten. Für den nächsten Antrag nahm sich Pfetzing diesen Punkt zu Herzen und schrieb viel mehr Zeitungen und auch das Fernsehen an, damit sie kommen und berichten. Außerdem holte er sich Hilfe beim Institut für europäische Partnerschaften und internationale Zusammenarbeit, das Vereine beim Schreiben des Förderantrags gegen kleine Provision berät. RTL und Hessenschau kamen am Ende doch nicht, aber das Fördergeld floss trotzdem.

 

Zusammenhalt vor Ort stärken – und damit die EU

Für 2017 wählte der gastgebende Verein in Waldkappel das Thema „Flüchtlinge als neue Herausforderung für die EU“, was mit 14.500 Euro gefördert wurde. Zwar wurden die zwei Dutzend Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Iran und Irak, die ab Herbst 2015 in der 4.300-Einwohner-Stadt ankamen, nicht als Problem angesehen. „Viele Leute haben sich gekümmert und ehrenamtlich Deutsch unterrichtet oder ein Begegnungscafé veranstaltet“, erzählt Bürgermeister Reiner Adam, der auch 2. Vorsitzender des Vereins ist. Doch eines ist den europa-begeisterten Waldkappler*innen klar: Dass die EU auseinanderbrechen kann, wenn die Integration nicht gelingt. „Daher wollten wir einer möglichen Verfremdung von vornherein begegnen“, sagt der Bürgermeister.

Und wenn es darum geht, aus Flüchtlingen Mitbürger*innen zu machen, so hat man in Waldkappel auch schon einige Erfahrung gesammelt. Gemeint sind vor allem die Sudetendeutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat vertrieben wurden und ins dünn besiedelte Nordhessen kamen. Damals existierten zwar keine Sprachbarrieren wie heute, aber plötzlich gab es neben dem Pfarrer auch noch einen Priester. „Wenn Sudetendeutsche und Waldkappler*innen heiraten wollten, hat es ordentlich geknallt“, erzählt Pfetzing. Seine verstorbene Frau stammte aus Karlsbad, das heute zu Tschechien gehört. Um sie heiraten zu können, musste er katholisch werden.

„Die Befremdung hat sich Gott sei Dank verlaufen“, sagt Pfetzing. Und genau das war auch das Ziel der Begegnung am Himmelfahrtswochenende 2017. „Viele kennen Flüchtlinge ja nur aus den Medien. Wir wollten zeigen, dass man auch mit ihnen reden und was erleben kann.“ Und das wollte rund die Hälfte der in Waldkappel lebenden Flüchtlinge genauso.

 

Viele Europäer*innen waren einst Flüchtlinge

Los ging das Treffen dann mit dem Maibaumfällen. Diese Tradition hatten Sudetendeutsche in die hessische Kleinstadt gebracht. Aufgestellt wurde der Maibaum auf dem Werenfriedplatz, dessen Namensgeber für Waldkappel eine besondere Bedeutung hat, wie zu lernen war. Von 1955 bis 1959 wurde nämlich mit Hilfe von insgesamt 2.500 Gesellen des Bauordens von Werenfried van Straaten die Bonifatius-Siedlung errichtet, um die Wohnungsnot der heimatvertriebenen Sudentendeutschen zu lindern. Daran zeige sich nicht nur, dass auch viele Europäer*innen einmal Flüchtlinge waren und auf die Solidarität anderer Menschen angewiesen waren, sagt Pfetzing. „Man kann auch sehen, welche Leistungen erbracht werden können, wenn europäische Bürger*innen zusammenarbeiten.“

Am nächsten Tag ging es ins 40 Kilometer entfernte Museum in der Nähe des Grenzdurchgangslagers Friedland. Dass dieses Lager seit dem Zweiten Weltkrieg fast durchgängig von Flüchtlingen durchlaufen wird, konnte man bei der Führung auf unterschiedlichen Sprachen hören. Ausgelassener ging es beim Picknick und auf einer Bootsfahrt zu, bevor es am nächsten Tag wieder viel zum Nachdenken gab.

Die Buchvorstellung der niederländischen Autorin Celia Oranje erinnerte daran, dass der Krieg in Europa nicht so lange her ist, wie er sich vielleicht anfühlt. In „Mama, es ist Krieg“ schildern Kinder aus den Niederlanden und Deutschland ihre Erlebnisse von Bombenangriffen und zerstörten Städten – Erfahrungen, die auch einige der Flüchtlinge gemacht haben.

 

Voneinander lernen

Mit im Programm waren noch ein Geschicklichkeitsspiel, bei dem multinationale Teams um die Wette eiferten, und abends tanzte man untergehakt zu arabischer Musik. „Eine rundum gelungene Veranstaltung“, resümiert Pfetzing – wenn man davon absieht, dass die Muslime wegen Ramadan erst nach Sonnenuntergang essen konnten und die „Ahle Worscht“ – eine luftgetrocknete Dauerwurst aus Schweinefleisch – nicht für jeden etwas war. Manches muss sich eben erst einspielen. Mit den Sudentendeutschen lief schließlich auch nicht alles gleich rund.

 
Steckbrief Europa für Bürger*innen
Europaflagge und Schriftzug "Europa für Bürgerinnen und Bürger"
 

Ziel des Programms „Europa für Bürgerinnen und Bürger“ 2014-2020 ist es, den Bürger*innen die Europäische Union näherzubringen. Gefördert werden Kommunen, Organisationen und Einrichtungen und ihre Begegnungsprojekte, die mit Projekten dazu beitragen das Verständnis von der Europäischen Union, ihrer Geschichte und ihrer Vielfalt zu vermitteln und die Bedingungen für die demokratische Teilhabe der Bürger*innen auf EU-Ebene zu verbessern.

 
Interview mit Jochen Butt-Pośnik

Drei Fragen zu Europaförderung

Portrait von Jochen Butt-Posnik
 

Die Kontaktstelle Deutschland »Europa für Bürgerinnen und Bürger« informiert kommunale Gebietskörperschaften, Vereine und Verbände sowie engagierte Bürger*innen über das Programm »Europa für Bürgerinnen und Bürger«. Wir sprachen mit dem Leiter der Kontaktstelle Deutschland, Jochen Butt-Pośnik.

 
Förderbroschüre

Gutes Gedeihen lassen. Mit Fördermitteln demokratische Kultur und Engagement in ländlichen Räumen stärken

Das Cover der Broschüre "Gutes Gedeihen lassen" vom BBE zeigt die Crew der Traumschüff geG bei ihrem Tourauftakt vor ihrem Theaterschiff
 

Dieser Beitrag erschien in der BBE-Publikation "Gutes Gedeihen lassen. Mit Fördermitteln demokratische Kultur und Engagement in ländlichen Räumen stärken". Sie stellt anhand anschaulicher Praxisbeispiele verschiedene Fördermöglichkeiten im Themendreieck »Demokratiestärkung«, »Engagement« und »Ländliche Entwicklung« vor.

Gedruckte Exemplare senden wir gern zu, solange der Vorrat reicht: susanne.hartl@b-b-e.de

 

 

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Logos des Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) und der Amadeu Antonio Stiftung (AAS)
 
 
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Aktionstage zur ländlichen Entwicklung

14. bis 28. März 2019

 

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